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Die zerstörten Bilder des Richard Grune

Die zerstörten Bilder des Richard Grune

In der Nacht zum 1. April 1946 wird in einem Gebäude am Kieler Sophienblatt eingebrochen. Die Zeitungen titeln: „Nächtliches Attentat auf KZ-Bilder“ und „Wieder Bilderstürmer am Werk“.

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Als junger Künstler zog es Richard Grune nach Berlin.

Quelle: x

Kiel. Die Ausstellung im „Haus der Landwirte“ am Sophienblatt läuft nun fast einen Monat. Dann geschieht der Anschlag: In der Nacht zum 1. April 1946 wird in dem Gebäude eingebrochen. Die Täter streben gezielt zum neuen Saal und erledigen dort mit großer Gründlichkeit ihre Arbeit: Sie zerstören die ausgestellten Werke und vernichten vollständig das Begleitmaterial. Die Zeitungen titeln: „Nächtliches Attentat auf KZ-Bilder“ und „Wieder Bilderstürmer am Werk“.

 Dabei war die Hoffnung so groß. In Gegenwart des Vertreters der englischen Militärbehörde, Major Harrison, eröffnet der Kieler Oberbürgermeister Otto Tschadek am 2. März 1946 die Ausstellung Die Ausgestoßenen des Künstlers Richard Grune. Keine Höflichkeit, ein gewolltes kulturpolitisches Signal: Es sei notwendig, an die Schrecken der Vergangenheit zurückzudenken und ihren Warnruf für kommende Zeiten festzuhalten. Den Bildern, die das Grauen und den Schrecken verkörpern, dürfe sich niemand verschließen, so Tschadek in seiner Rede. Erstmals zwingt damit ein Künstler die Kieler Gesellschaft zu sehen, was sie nicht sehen will. Denn Grune zeichnet die Leiden der KZ-Insassen, ihren harten Alltag und ihr schreckliches Sterben, aber auch ihre Solidarität und gegenseitige Hilfe. Und er porträtiert die Täter. Sein Stil ist eindringlich, menschlich, authentisch. Diese „Eindringlichkeit“, so schreibt der Journalist Karl Rickers, erreicht künstlerisch „ein höchstes Maß“. Denn der Maler ist Augenzeuge. Erst seit wenigen Monaten lebt er wieder in Freiheit, nach vielen Jahren in den Konzentrationslagern.

 Am 2. August 1903 wird Grune in Flensburg geboren, bald zog die Familie nach Kiel. Er besuchte die Gewerbeschule und absolvierte ein Studium am Bauhaus Dessau und in Weimar. Paul Klee und Wassily Kandinsky waren seine Lehrer. Als junger Mann besucht er den großen Edvard Munch. 1926 folgte die erste Ausstellung in Kiel, ein Jahr später die künstlerische Leitung der „Kieler Kinderrepublik“ auf Seekamp. Dann zog es ihn nach Berlin, wo er arbeitete, aber auch seine Homosexualität selbstbewusst leben konnte. Schon 1934 inhaftierte ihn die Gestapo wegen Verstoßes gegen den Paragrafen 175 zuerst im KZ Lichtenburg, dann in Sachsenhausen und ab 1940 im KZ Flossenbürg. Im Lager zeichnete Richard Grune weiter, Miniaturen auf Papierfetzen. Sie waren, wie Rickers später schreiben wird: „Ikonen des Widerstandes gegen Tod und Terror“. Mitte 1945 kam er körperlich und seelisch geschwächt zurück nach Kiel zu seiner Schwester Dolly Cornelius.

 Die Präsentation wird abgebrochen. Schuldige werden nicht ermittelt. Es ist nicht nur die erste, sondern für lange Zeit die einzige Kunstausstellung in Kiel, die an diese Schrecken der jüngsten Vergangenheit erinnert. Doch Grune arbeitet weiter und legt 1947 die KZ-Lithographien als Zyklus in einer Mappe vor. Die Passion des XX. Jahrhunderts, so heißt das Werk, das ihm einen Platz in der Kieler Künstlergeschichte sichert. Doch kaum jemand will diese Werke sehen. Das Verdrängen, das Leugnen der Schuld, wird für Grune zum Trauma. Er verlässt die Fördestadt, arbeitet zehn Jahre in Spanien, zieht nach Hamburg. Doch er kann von seiner Kunst nicht leben, viele seiner Werke sind verschwunden, seine Schaffenskraft ist verbraucht.1983 stirbt Richard Grune, der mit seiner Ausstellung 1946 ein Zeichen für Humanität und Menschenwürde setzte, verarmt und fast vergessen in einem Kieler Altenheim.

 Mit der professionellen Präsentation der Bilder von Richard Grune vor 70 Jahren begann die Nachkriegszeit in der Kieler Malerei. In ihrer künstlerisch-politischen Themensetzung, ihrer mutigen Unabhängigkeit und der zutiefst humanistischen Intention war seine Ausstellung kulturelle Zäsur und Neuanfang zugleich.

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