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„My Fair Lady“: Vom Charme der Schnauze

Vor Premiere in Kiel „My Fair Lady“: Vom Charme der Schnauze

„Es grünt so grün“ der Evergreen: Viele halten Frederick Loewes „Musical Play“ My Fair Lady für den perfektesten Beitrag zum Genre überhaupt. Das Theater Kiel hat sich 15 Jahre bedeckt gehalten, jetzt heißt es „wart’s nur ab, Henry Higgins!“, ob die Premiere am Sonnabend ein großer oder sehr großer Erfolg wird.

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Vom Stoff überzeugt: Die Regisseurin Ricarda Ludigkeit mit dem Gastdirigenten Till Drömann.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Und spätestens, seit 1964 in der Verfilmung zwischen Audrey Hepburn und Rex Harrison die Fetzen flogen, ist das charmante Stück auch von den Theaterbrettern nicht mehr wegzudenken. Zumindest für den ersten Abend meldet die Opernkasse nur noch „Restkarten“.

Erzählt wird die Geschichte von dem Blumenmädchen Eliza Doolitle, das mit seinem Unterschichten-Slang dem Phonetik-Professor Henry Higgins auffällt. Ihn reizt der Nachweis, dass er aus der ordinären Göre über die Schulung ihrer Sprachfähigkeiten eine gesellschaftsfähige junge Dame machen kann. Dazu muss sich der arrogante Misanthrop ihr allerdings annähern ...

Ricarda Regina Ludigkeit bringt Erfahrung mit

Für die szenische Umsetzung zeichnet diesmal die Musical-erfahrene Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit verantwortlich, die gerade am Münchner Prinzregententheater Tschitti Tschitti Bäng Bäng in die Spur gesetzt und vor einem Jahr in Kiel Cole Porters Kiss me, Kate! schmissig auf die Bühne gebracht hat. Noch ringt die Choreografin mit sich, dem Werk und den harmoniesüchtigen Sängern, wie viel George-Bernhard-Shaw-Pessimismus und wie viel Hollywood-Happy-End dabei herausbrät. Denn eigentlich sind ihr die Wurzeln in Shaws Pygmalion und der Mythologie wichtig. „Lässt man die hineingeschriebene Komödie mal beiseite, geht es hier um die heikle Tatsache, dass sich ein Mann sein ideales Frauenbild erschafft“, gibt Ludigkeit zu bedenken.

Deshalb habe sie den spitzzüngigen Spaß auch nur von 1912 in die Fünfziger Jahre hinein aktualisieren können. „Weiter nach vorne wäre im Gesellschaftsbild zwischen Mann und Frau nicht mehr stimmig.“ Damals aber, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, seien die lange auf sich allein gestellten, somit eigentlich zwangsläufig emanzipierten Frauen bei der Rückkehr der raren, oft kriegsgebrochenen Männer in eine zurückgedrehte Rolle verfallen, um die gesellschaftliche Balance wieder herzustellen.

Weiterentwicklung von Eliza entscheidend

Doch Ludigkeit betont auch die positive Seite des Stoffs: „Eliza ergreift die Chance, von einer niederen sozialen Stufe auf eine weit bessere zu kommen“ – auch, weil sie beispielsweise von Higgins’ Freund Oberst Pickering von Anfang an als Individuum ernst genommen und würdig behandelt werde. „Denn wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“: Ansprache „in gepflegter Form“ zahle sich überall aus.

Da kann Gastdirigent Till Drömann nur beipflichten: „Higgins ist im Vergleich mit Eliza trotz seines gehobenen Status’ mit Bediensteten eine bedauernswerte Seele. Sie dagegen entwickelt sich – dahin, wo Higgins nie mehr hinkommen wird.“ Der Dirigent, an der Oper Stuttgart Assistent des Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling und seit den dortigen Richard-Strauss-Gastspielen von Georg Fritzsch mit Kiels GMD bekannt, hat das Musical schon in Osnabrück dirigiert und begeistert sich für die handwerkliche Könnerschaft Loewes, „die Kraft der Einfälle“ und den daraus resultierenden Spaß mit dem Orchester: Jede Nummer sei „ein Knaller, aus dem Text heraus glänzend erfunden“.

Drömann ist froh, dass die Kieler Solisten Stilempfinden zeigen und über die Mikroports nicht in einen hier unpassenden „hohen“ Opernton verfallen. Gesungen und gesprochen wird die „sehr gut übersetzte“ deutsche Fassung – mit Dialektgefälle à la Berlin. Und Ludigkeit, einzige echte Hauptstadt-Muttersprachlerin im Ensemble, weiß sehr wohl um den Charme der Berliner Schnauze: „Hauptsache, diese Farbe stimmt.“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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