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„Kammerjagd“ als Uraufführung

Polnisches Theater Kiel „Kammerjagd“ als Uraufführung

Viele Missverständnisse und ein Strauß von Gemeinheiten: Im Stück „Kammerjagd“ lädt das Polnische Theater Kiel zu einer Geburtstagsfeier ein, die komplett aus dem Ruder läuft. Einsamkeit und grauer Alltag bilden den Rahmen für die packende Handlung, an deren Ende ein Appell für ein würdiges und selbstbestimmtes Leben im Alter steht.

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Tadeusz Galia vom Polnischen Theater freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Autor und Kollegen Andreas Hüttner.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Dieses Bühnenstück ist in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Die Dramen, die Autor Andreas Hüttner bisher verfasst hat, inszenierte er selbst. Diesmal hat er diese Aufgabe Tadeusz Galia, dem Künstlerischen Leiter des Polnischen Theaters, überlassen. Beide kennen sich sehr gut, stand Hüttner doch in den Produktionen Gift und Der Flug der gebratenen Ente als Schauspieler in der Kieler Düppelstraße auf der Bühne. „So kenne ich das Haus, die Themen, das Publikum und die Art, wie hier inszeniert wird“, sagt der 45-Jährige.

Auch für die Schauspieler war die enge Zusammenarbeit mit dem Autoren etwas Neues: Die Rollen hat Hüttner den Akteuren förmlich auf den Leib geschrieben. Gut anderthalb Jahre hat es gedauert, bis aus den ersten Ideen ein Stück wurde. Das basiert wesentlich auf den Lebenserfahrungen von Galia. In gewisser Weise spielt er nun Selbsterlebtes – nicht die schlechteste Voraussetzung, um in seiner Rolle aufzugehen: „Das war ein sehr spannender Prozess.“ Heute Abend wird das Stück uraufgeführt.

Die Handlung beginnt mit zwei resignierten alten Menschen, der pensionierten Lehrerin Gertraude und ihrem Nachbarn Kowalczyk. Beide leben nebeneinander her. Sie denkt, er sei Russe. Seinen Vornamen hat sie nie erfragt. Und auch sonst lebt Gertraude, gespielt von Jutta Ziemke, ein lethargisches Leben und fühlt sich überflüssig.

Die Stimmung ändert sich, als eine junge Frau wie aus dem Nichts auftaucht, die vor ihrem Freund auf der Flucht ist. Mit ihr nimmt die Handlung Fahrt auf, denn Gertraude nimmt jene Betty alias Gina Tantow bei sich auf, und schlägt die Bedenken von Kowalczyk, verkörpert vom Theater-Chef Galia, in den Wind.

„Ich darf endlich einmal der Pole sein“, freut sich der Darsteller. „Ich darf das erste Mal quatschen, wie ich will.“ So wird etwa aus der Schwarzwälder Kirschtorte die Kirschwälder Schwarztorte. Sein Satzbau ist einfach, „typisch deutsche Füllwörter“ wie „ja“ und „doch“ kommen Kowalczyk nicht in den Sinn. Auch Betty ist eine Polin – eine klauende Polin. In dieser Hinsicht spielt das Stück durchaus mit Klischees. Das sorgt für amüsante Momente, führt aber zur ernsten Frage, ob der Pole Kowalczyk nicht ein Fremder geblieben ist. Die zentrale Botschaft des Stücks zielt auf die große Lebensfrage: „Uns geht es um den Sinn für das Weiterleben im Alter“, sagt Galia. Das Stück endet versöhnlich, doch in der Zwischenzeit geht es noch hoch her: Die Geburtstagsfeier von Betty ist ein Wendepunkt, danach „folgt eine Katastrophe der anderen“. Aus den turbulenten Ereignissen leitet sich auch der Titel Kammerjagd ab: Nur vordergründig hat er etwas ungeliebten Mitbewohnern zu tun.

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Ein Artikel von
Thomas Paterjey
Lokalredaktion Kiel/SH