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In der Wüste der Käuflichkeit

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Kiel In der Wüste der Käuflichkeit

Den Spaß hat Bertolt Brecht ausdrücklich vorgesehen in der Geschichte vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, den Angriff auf die traditionelle, „kulinarische“ Oper aber auch. „Ein Brocken“ sagt Dramaturg Ulrich Frey über das Brecht-Weill-Stück, dessen Uraufführung 1930 in Leipzig unter Polizeischutz über die Bühne ging. Und Regisseur Ansgar Weigner und Dirigent Leo Siberski, die den „Brocken“ im Kieler Opernhaus auf die Bühne wuchten, sind sich einig: „Der Spaß darf einem ruhig im Hals stecken bleiben.“

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Im Vergnügungsmodus: Regisseur Ansgar Weigner (rechts) und Leo Siberski, Erster Kapellmeister, hinter der Opernhaus-Bühne.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Das kann er auch in der „Netze-Stadt“ Mahagonny, diesem Amüsierbetrieb irgendwo in der amerikanischen Wüste, der die menschliche Glückseligkeit zum Gesetz erhoben hat. Der seine Bewohner mit Glücksspiel, käuflichem Sex und sonstigen Ausschweifungen bei Laune hält – und nur das eine nicht duldet: dass einer kein Geld hat. „Man muss das von der intellektuellen Seite her anpacken“, sagt Ansgar Weigner, der im Vorfeld auch den Karlsruher Brecht-Spezialisten Jan Knopf konsultiert hat. „Mahagonny ist eher eine Anti-Oper. Und das ist auch keine positive Utopie. Da steckt soviel Gesellschaftskritik und Philosophie drin – die Texte muss man erstmal knacken.“

 Der Regisseur, der bisher vor allem im Operettengenre Erfahrungen sammelte, hat seinen Spaß („Der kam bei Brecht in der Schule ja eher kurz“) am politischen Potenzial der Oper, die bis heute Zündstoff bietet: „Die Fixierung auf das Geld und wie die Umwertung der menschlichen Werte in die Katastrophe führt, das ist doch total aktuell.“

 Gemeinsam haben sich Weigner und Siberski Szene für Szene durch Mahagonny gearbeitet. „Die Oper formt ja keine Einheit“, sagt der Regisseur und nimmt Brechts Collage-Prinzip auf. So geht es für die Sänger auf der Bühne mal um Einfühlung, mal um Distanz, mal um Opernpathos, mal um den Groove. Die Herausforderung des Stücks sieht Weigner darin, den roten Faden herzustellen. So setzt er Brechts vergnügungssüchtige Goldgräber und Huren in einem Aschehaufen (Bühne: Norbert Ziermann), aus: „Damit man sieht, dass das kapitalistische Prinzip keinen Bestand hat.“ Und Kostümbildner Christoph Cremer hat sich von Otto Dix‘ verzerrten Bürgerfratzen inspirieren lassen. „Natürlich sind die Figuren eher holzschnittartig, fast wie Abziehbilder“, sagt Weigner, „so angeschrägt wollen wir sie auch zeigen.“

 Das gilt ähnlich für die Musik von Kurt Weill, die Leo Siberski sogleich nachhaltig ins Schwärmen bringt. „Die spielt mit allen Stilen“, begeistert sich der stellvertretende GMD. „Die ist so vorantreibend. Da geht die Begeisterung ganz schnell in Fanatismus und Faschismus über. Der Tango wird immer brutaler, der Walzerrhythmus bricht. Und immer wieder ist da diese dumpfe, ganz tiefe Trommel – die kann man gar nicht aufhalten.“

 Da müssen auch die Musiker umdenken. Gar nicht so einfach, die Impro-Elemente des Jazz auf ein großes Orchester zu übertragen. „Aber es geht“, sagt Siberski, „es gibt schnelle Stellen, die eher auf dem Reißbrett zu spielen sind, und es gibt andere, die wie der Alabama Song auf der Stelle treten. Mit denen kann man freier umgehen.“ An der Spannung, die sich aus Brechts Text und Weills Musik ergibt, können sich dann wieder Regisseur wie Musiker abarbeiten. „Brecht schreibt in Formeln, Weill transportiert das Gefühl“, sagt Weigner. Schnulzig allerdings, so Siberski, könne die Musik niemals werden: „Dazu ist sie viel zu dissonant!“

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