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Entertainment in der Abstraktion

Bizets Carmen an der Oper Kiel Entertainment in der Abstraktion

Der Regisseur Matthias von Stegmann und sein Bühnenbildner Walter Schütze entdecken am Kieler Opernhaus spannende Details in Georges Bizets Musiktheater-Hit "Carmen". In einer gewissen Abstraktion und befreit von folkloristischen Klischees wollen sie der Musik Raum lassen und vielschichtige Figuren formen.

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Regisseur Matthias von Stegmann, Bühnenbildner Walter Schuetze und der Musikalische Leiter Rani Calderon (von links) freuen sich auf die Premiere von Carmen an der Oper Kiel am Sonnabend, 12. Dezember.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel . Die aufgetürmte Erwartungshaltung, die sich mit der genial leichtfüßigen und zugleich so aufregend hitzigen Oper Carmen verbindet, kann den Regisseur Matthias von Stegmann und seinen Bühnenbildner Walter Schütze nicht schocken. Gerade weil sie das Werk erstmals in Szene setzen und an ihrem besonders „geliebten Opernhaus“ in Kiel die Chance bekamen, nach den starken Produktionen von Puccinis Butterfly und Hosokawas Matsukaze, „in der Arbeit Dinge zu entdecken, die wir selber noch nie so gesehen hatten“, würden die südspanische Flamenco-Folklore, Francesco Rosis Film mit Migenes und Domingo, Carlos Sauras Tanz-Transformation oder Peter Brooks Schauspielverdichtung nicht zur übermächtigen Belastung.

Von Stegmann betont die intensive Ausformung der Titelfigur mit Cristina Melis, „mit der ich mich so sehr, sehr gut verstehe“. Beide wollen sie nicht als männermordenden Vamp oder allseits begehrte erotische Projektion zeigen, sondern vielschichtig, „und durchaus auch als sehr einsam und verletzlich“. Das lasse das Stück zu, ohne es zu verbiegen. Die Todesahnung keime sehr früh in Carmen auf, hat Matthias von Stegmann festgestellt – und vor allem in der für ihn stets zentralen Musik herausgehört. „Deshalb braucht sie bei mir die todverkündigenden Karten auch gar nicht mehr anzugucken.“ Die Liebe zum aufbrausend impulsiven, demonstrativ nicht als Schwächling gezeigten Don José („ein harter Hund, der schon einen Mord auf dem Gewissen hat“) sei zum Scheitern verurteilt.

Starke Persönlichkeiten sind dem deutsch-japanischen Regisseur, der sich in den vergangenen Monaten wieder fürs Fernsehen um die deutsche Fassung der Simpsons gekümmert hat, seinen Lohengrin in Tokyo betreut und als Schauspieler demnächst wieder als Bassa Selim in Mozarts Entführung an der New Yorker Met auftritt, besonders wichtig. Sogar Micaela, das Mädchen vom Lande, das Don José an seine provinziellen Wurzeln erinnert, wird „selbstbewusster gezeigt, als man sie kennt: Die schiebt hier auch mal eine Carmen zur Seite.“

In der authentischen Fassung mit gestrafften Dialogen soll Bizets Musik fast ungestrichen zur Geltung kommen. Der Bühnenbildner Walter Schulze, der in Bonn gerade erfolgreich Regie in Wagners Fliegendem Holländer geführt hat, will ihr Raum geben – eher abstrakt, ohne Folklore-Klischees, aber auch ohne dicke Autos auf der Bühne, etwa um den „Testosteronbomber Escamillo“ neuzeitlich aufzuplustern: „Wir hangeln uns ohnehin nicht so sehr an den Szenen und Orten entlang, sondern verändern den Rahmen eher den musikalischen Stimmungen entsprechend.“ Weil Bizets Opéra comique Carmen sich ständig verwandele, Tanzmusik darin unvermittelt ins Drama kippe und ihr Entertainment sowie der große Hollywood-Film nicht fremd sei, stehe eines fest: „Auch bei uns ist immer was los!“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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