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Lackschuh statt Sandale

Wagners Frühwerk „Rienzi“ in Kiel Lackschuh statt Sandale

Wenn man das Wort „opernhaft“ veranschaulichen möchte, bietet sich Richard Wagners Frühwerk Rienzi an – im guten wie im schlechten Sinne. Jetzt wird das Stück an der Kieler Oper aufgeführt.

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Der Dirigent Michael Nündelt staffelt den Opernchor (vorn) und den Philharmonischen Chor zeitweilig wirkungsvoll rund um das Orchester. Links die Solistinnen Cristina Melis (als Adriano Colonna) und Jane Dutton (in Rot als Irene).

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Was der überambitionierte Dresdner Kapellmeister da im Jahr 1842 auf die Bühne der ersten Semper-Oper wuchtete, hat von allem was, manchmal auch zuviel davon. Allein die damals innovative Digitaluhr, die im noch brandneuen Königlichen Hoftheater über dem Bühnenportal in Elbflorenz prangte, musste heftig oft umspringen, um die riesige Flut der Töne chronologisch einzuordnen. Im Kieler Opernhaus ist das jetzt wohltuend anders: Dort bietet eine relativ kompakte 165-Minuten-Version der fünfaktigen tragischen Oper überaus lohnende Einblicke in die unaufgeräumte Komponierwerkstatt des (bald danach) genialen sächsischen Musikdramatikers.

 Am Rathausplatz wird die römische Sandale gegen den Gala-Lackschuh des 21. Jahrhunderts getauscht. Die Schauspielerin Claudia Macht liest, mit viel (Weih-)Rauch und etwas Ironie in der Stimme, eine ausführliche Entstehungs- und Inhaltsangabe vom Blatt, um Wissenslücken über den erst glück-, dann unglückseligen letzten Volkstribunen Cola di Rienzo in der mittelalterlich morbiden römischen Republik zu schließen. Kiels Zweiter Kapellmeister Michael Nündel lenkt mit viel Einfühlungsvermögen die Massen. Schon die berühmte Ouvertüre, deren Thema eigentlich unter den Suchtmitteln firmieren müsste, wird sehr geschickt emotional gesteigert. Die fleißig notenfressenden Philharmoniker vermitteln geschmeidig zwischen Konventions-Tschingderassabum und ersten Wagner-Mysterien. Es fliegen die Fetzen, die Funken – und nur wenig Späne. Die überschaubar verbliebenen Grand-Opéra-Chorszenen sind klangräumlich reizvoll gestaffelt und vom Opernchor sowie dem flankierenden Philharmonischen Chor machtvoll vollmundig umgesetzt (Einstudierung: Lam Tran Dinh).

 Das wichtigste aber ist, dass Nündel auf ein wirklich stattliches Sängerensemble zählen kann. Der koreanische Tenor Sung Kyu Park rückt die gefürchtete Titelpartie des scheiternden Helden in Lohengrin-Nähe. Mit viel Belcanto-Eleganz erinnert er daran, dass der Rienzi der Uraufführung, Wagners heißgeliebter Joseph Tichatschek, alles andere als ein grober Kraftmeier war. Das Gebet („Allmächt’ger Vater ...“) des päpstlichen Notars besiegelt Park besonders betörend und berührend.

 Solch feinströmenden Gesangslinien hat Jane Dutton als seine Schwester Irene nicht zu bieten. Ihre hochdramatisch metall-legierten Töne wirken gestemmter und flackernder. Sie spiegeln aber immerhin die Zerriebenheit zwischen den verfeindeten Adelsgeschlechtern. Für den großen heroischen, bewegend emotionalen Kampf zwischen Liebe und Ehre gibt es aber eine geradezu optimal besetzte Stimme: den reich rubinrot funkelnden und explosiv schlagkräftigen Mezzosopran von Cristina Melis. Ihr passend androgyner Rächer, Hosenrollen-Adriano, begeistert restlos.

 Auch in den Nebenpartien lohnt das Aufhorchen: Zum Beispiel verleiht die junge Sopranistin Karola Sophia Schmid dem Friedensboten innerhalb weniger Augenblicke Carl-Maria-von-Weber-Charme; oder Manos Kia schiebt dem feindlich gesinnten Paolo Orsini die nötige Polizeichef-Scarpia-Dämonie in den Frack. Das Publikum zeigt sich mit guten Gründen von allem hochgradig begeistert. Jetzt muss es nur noch größer werden. Die Konzertante hat es weiter schwer, außerhalb des Premierenabonnements zu zünden.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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