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Ein zeitloser Problem-Kosmos

Wedekinds "Frühlings Erwachen" in Kiel Ein zeitloser Problem-Kosmos

Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ wurde nach seiner Veröffentlichung 15 Jahre nicht auf deutschen Bühnen gespielt. „Unsittlich“ lautete damals das vernichtende Urteil. Die Uraufführung 1906 in Berlin wurde zum Sensationserfolg. Katrin Lindner, in Kiel durch Inszenierungen zeitgenössischer Stücke im Studio bekannt, präsentiert das Teenager-Drama nun auf der großen Bühne im Schauspielhaus.

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Katrin Lindner nimmt sich nach zeitgenössischen Stücken für das Studio nun ein 1 10 Jahre altes Drama für die große Bühne im Schauspielhaus vor.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel.  Die Gymnasiasten Moritz und Melchior interessieren sich mehr für das andere Geschlecht als für den Unterricht. Während Melchior sein theoretisches Wissen mit seiner nicht minder neugierigen Mitschülerin Wendla in die Praxis umsetzt und das Mädchen schwängert, leiden bei Moritz die schulischen Leistungen derart, dass er sitzenbleibt. Der grüblerische Junge erschießt sich, Wendla stirbt nach einer Abtreibung und Melchior wird in ein Erziehungsheim abgeschoben.

 Überforderte Eltern, bornierte Lehrer und eine über allem schwebende strenge Moral treiben die Handlung in die Katastrophe. Starker Tobak aus der Feder eines 26-Jährigen, der sich zum Anwalt der Jugendlichen gegenüber einer menschenverachtenden bürgerlichen Moral macht. Der Regisseurin ist die Tragödie seit dem Studium vertraut. Das mit über 30 Figuren üppige Personal hat sie gemeinsam mit Dramaturg Jens Raschke auf 14 Rollen verschlankt und auf Doppelbesetzungen verzichtet. „Dadurch, dass jeder nur sich selbst erzählt, wird die Brisanz des Stückes deutlicher und Wahrhaftigkeit größer. Ich kann mir Moritz besser vorstellen, wenn ich seinen Vater kenne.“

 Die Gräben zwischen den Jugendlichen, die ihr emotionales Chaos aus schulischem Druck, sexueller Neugier und erster Liebe unter einen Hut bringen müssen, und ihren Eltern, die auf all das mit hilfloser Härte reagieren, könnten tiefer kaum sein. Was bei Wedekind als Kritik an der verlogenen bürgerlichen Moral erkennbar schwarz und weiß gemalt ist, will Lindner entschärfen. „Ich möchte, dass sowohl Eltern als auch Jugendliche sich im Stück wiedererkennen können. Auch wenn wir das Tun der Eltern nicht entschuldigen, wollen wir zeigen, dass ihre Motive teilweise nachvollziehbar sind.“

 Dass das Drama 110 Jahre auf dem Buckel hat, ist für die 37-Jährige kein Problem. „Die Themen sind zeitlos. Die Welt hat sich zwar verändert, aber der Kosmos an Problemen des Erwachsenwerdens und Entdecken-Wollens ist derselbe geblieben.“ Ein schlichtes Bühnenbild von Tobias Schunck, das mit minimalen Mitteln zeigt, wie die Eltern das „Erwachen“ ihrer Kinder zu verhindern suchen, führt das Geschehen in die Gegenwart. Genauso wie Julia Kneusels Kostüme. Sie hat den Schauspielern die Kleidung etwas zu knapp auf den Leib geschneidert, so dass sie kindlicher wirken.

 Eine surreale Ebene erhält das Spiel durch die metaphorische Figur des „vermummten Herrn“, der am Ende für einen positiven Ausblick sorgt. Aus Sicht der Regisseurin ist diese Figur ein so überraschender wie gelungener Schachzug des Autors, der das Stück um eine spannende Facette bereichert. „Es ist schon erstaunlich, dass Wedekind hier eine Art Happy End anbietet, das einer Erlösung gleichkommt.“

 Premiere im Schauspielhaus Kiel, Freitag, 20 Uhr. Kartentel. 0431/ 901901, www.theater-kiel.de

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