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Aschenputtel: Tango mit dem Ziegenbock

Weihnachtsmärchen in Kiel Aschenputtel: Tango mit dem Ziegenbock

Das Grimm-Märchen „Aschenputtel“ liefert nur das Skelett für das Kieler Weihnachtsmärchen, dass sich die Dramaturgen Annika Hartmann und Jens Paulsen ausgedacht haben. Es spielt in einem imaginären Südland unter sprechenden Tieren und lichten Himmeln und kommt ohne die Selbstverstümmelungen der bösen Stiefschwestern aus.

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Vier Frauen für Aschenputtel: Marie Rosenbusch (Bühne), Regisseurin Jimena Echeverri-Ramirez, Kapellmeisterin Bettina Rohrbeck und Christine Hielscher (Kostüme, v.li.).

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. „Mit Disney hat unser Aschenputtel gar nichts zu tun“, sagt Jimena Echeverri-Ramirez. Dabei ist die Kolumbianerin mit der französischen Version des Märchens groß geworden, auf der auch der Disney-Film basiert. „Ich hatte also Kristallschuhe und eine Mäusekutsche im Kopf“, sagt sie und staunte, dass es bei den Brüdern Grimm und ihrer Geschichte um das arme Aschenputtel, das nicht zur Brautschau des Prinzen aufs Schloss darf, etwas grausamer zugeht. Auch das Grimm-Märchen aber liefert nur „das Skelett“ für das Kieler Weihnachtsmärchen, dass sich die Dramaturgen Annika Hartmann und Jens Paulsen ausgedacht haben. Das spielt in einem imaginären Südland unter sprechenden Tieren und lichten Himmeln und kommt ohne die Selbstverstümmelungen der bösen Stiefschwestern aus.

 „Mir gefällt, dass es in unserer Fassung so kunterbunt zugeht und lebendig“, sagt Jemina Echeverri-Ramirez, „und auch, dass es weniger um die Prinz-sucht-Prinzessin-Geschichte geht, als darum, dass jemand seinen Weg findet und sich dabei treu bleibt. Unser Aschenputtel ist keine Barbie-Prinzessin, sondern eher eine, die Lust hat auf Abenteuer.“ Eine Schlossspinne und ein Gespenst, das zu gern gruselig wäre, leisten ihr dabei ebenso Gesellschaft wie die eigenwillige Taube Frieda und ein Ziegenbock, der als Haushofmeister seine Intrigen spinnt.

 Eine Herausforderung für die junge Regisseurin, die bisher am Schauspiel den Monolog Judas und das Studio-Stück Gelber Mond inszeniert hat. „Die große Bühne im Opernhaus bedeutet natürlich viel mehr Verabredungen, die funktionieren müssen“, sagt sie. „Und für Kinder zu inszenieren, beziehungsweise das Kind in den Erwachsenen zu wecken, ist sowieso die größte Herausforderung. Da kann man nicht mit Andeutungen arbeiten, man muss da ganz klar sein in den Bildern.“ Aber man kann auch spielen im Weihnachtsmärchen, mit Kostümen (Christine Hielscher) und allerlei beweglichen Bühnenversatzstücken. „Ich habe organische Formen gesucht und viel Farbe“, sagt Bühnenbildnerin Marie Rosenbusch und hat sich für das Märchenschloss von Muranoglas oder den fließenden Linien des spanischen Architekten Antoni Gaudi inspirieren lassen.

 Natürlich geht das Ganze auch diesmal mit viel Musik über die Bühne. „Ich hatte große Lust, etwas Lateinamerikanisches zu machen“, sagt Kapellmeisterin Bettina Rohrbeck, die von Rossinis La Cenerentola bis zum Defa-Filmklassiker Drei Haselnüsse für Aschenbrödel ein ganzes Amalgam von Interpretationen des Märchens im Kopf hatte. Von Tango bis Bossa reicht die Klangpalette, die Rohrbeck nutzt – je nach dem Charakter der Figuren. „Der Ziegenbock zum Beispiel hat den Tango“, sagt sie, „der braucht als Haushofmeister eine gewisse Haltung, hat aber auch Feuer in sich ...“

 Die bekannten Motive vom verlorenen Schuh bis zum Haselbaum, der das Aschenputtel mit tollen Kleidern versorgt, kommen bei aller Neuerung im Kieler Weihnachtsmärchen auch vor; ebenso wie die bekannten Schlüsselsätze („Ruckedigu, Blut ist im Schuh“ oder „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“). Auch das gefällt Jimena Echeverri-Ramirez: „Man kann im Märchen alles machen – man darf nur den roten Faden nicht verlieren.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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