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Festival fest in Frauenhand

Weissenhäuser Strand Festival fest in Frauenhand

Wo sich sonst Familien und Schulklassen erholen, wehen Regenbogenfahnen: Vier Tage lang steht das Ferienzentrum Weissenhäuser Strand an der Ostsee im Zeichen des großen „L“. Rund 4000 Besucherinnen feiern dort Europas größtes Festival für lesbische Frauen.

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In Wangels am Weissenhäuser Strand in Wangels: In dem Ferienzentrum an der Ostsee findet das größte Frauen-Festival Europas statt.

Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Weissenhäuser Strand. Sie schlendern Hand in Hand, umarmen sich immer wieder, checken sich neugierig ab, küssen sich. Rund 4000 Frauen auf dem größten Lesbenfestival Europas genießen es, bei Frühlingswetter unter sich zu sein — ohne sich verstecken oder rechtfertigen zu müssen. Organisatorin Claudia Kiesel aus Hamburg hat das Ferienzentrum Weissenhäuser Strand an der Hohwachter Bucht bis Sonntag für ihr Event „L-Beach“ gebucht. „Ein Lesben-Kosmos, der grooved“, sagt eine der Teilnehmerinnen.

Die meisten Gäste kommen aus Deutschland, sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, mit überdurchschnittlicher Bildung und entsprechendem Einkommen, erzählt Kiesel. Das Event lockt aber auch Frauen aus Europa und Russland, Israel und selbst Australien an.

„Wir leben in einer heterosexuell geprägten Welt von Mann und Frau, in der wir quasi mit dem Radar unterwegs sein müssen, um Gleichgesinnte zu entdecken“, beschreibt die 46-jährige Betreiberin eines Szene-Lokals in Hamburg die Situation von Frauen, die Frauen lieben. „Im Ferienpark ist diese Welt wenigstens ein paar Tage einmal umgekehrt.“ Sie träumt von einer Welt, „in der Anderssein auch normal ist“.

Unter den Tausenden Frauen fallen die wenigen Männer kaum auf. Sie gehören zum Personal des Ferienzentrums oder arbeiten für Security-Chefin Gracia Patricia Walters. Die 41-jährige Reisekauffrau ist mit 40 Mitarbeiterinnen und ihrer Frau, einer Polizistin, vor Ort. „Wir haben uns gesehen und es hat geschmettert“, lacht sie. Sie ist seit dem ersten L-Event vor sechs Jahren dabei.

Die „toll entspannte Atmosphäre“ genießen auch Tina (27) und Nadine (28) aus Itzehoe. Die beiden Singles haben sich auf einer Bank nahe der Minigolf-Bahn in Position gebracht, mit freiem Blick auf alle Neuankömmlinge. Die Volkswirtin und die BWL-Studentin haben Lust auf neue Bekanntschaften — „und wollen einfach gucken, was es hier für „Angebote“ gibt“. Wer in kleineren Orten lebe und auf Partnersuche sei, habe die Szene dort eben schnell durch.

Mit ihrer Leidenschaft für Frauen gehen sie ganz offen um, sagen beide. „Seit wir uns geoutet haben, haben wir keine Probleme.“ Auch die Eltern sähen das „ganz entspannt“. Andere Frauen wollen dagegen nicht, dass ihre sexuelle Orientierung öffentlich wird, weder zu Hause noch im Beruf. Sie befürchten Nachteile und Ächtung. Die 22-jährige Studentin Caroline aus Heidelberg etwa verheimlicht ihren Eltern Freundin Frederike — aus Angst, verstoßen und enterbt zu werden.

Auch die 52-jährige Beamtin Gaby lebt seit Jahrzehnten in Hannover mit der Furcht, am Arbeitsplatz als lesbische Frau erkannt zu werden. Zwar ist sie seit 29 Jahren mit Partnerin Ilona zusammen. Doch „ich bin noch immer die, die im Schrank ist“, sagt sie. „Nur im Urlaub und privat leben wir so, wie wir sind.“ Freundin Ilona (51) kritisiert, dass lesbische Frauen — anders als schwule Männer — noch immer kein Thema in Medien und Gesellschaft seien: „Wir werden noch immer nicht ernst genommen und kommen praktisch nicht vor. Deshalb genießen wir es hier sehr.“

Auch fünf Freundinnen aus Hamburg lockt „die Community und die Neugierde“ an den Weissenhäuser Strand. Die Frauen, alle in den Fünfzigern und gut situiert, sind seit Jahrzehnten in der Frauenbewegung aktiv — „in der lesbisch sein eine politische Aktion war“, wie Elke sagt. „Heute ist es eine privatere Entscheidung.“ Es brauche „wieder Lesben (…), die aufstehen und eintreten für ein selbstbestimmtes Leben“. Bekannte Frauen in Politik und Medien sollten sich outen, finden die fünf Freundinnen.

Für Politisches ist auf der Party nur am Rande Platz. Organisatorin Kiesel präsentiert zwar auch die Frauen-Stiftung „filia“, die sich weltweit für Frauen und Mädchen einsetzt. Die Stiftung hat ebenso einen Stand wie etwa eine Berliner Samenbank. Das Programm ist aber auf Feiern und Kennenlernen ausgerichtet. Sängerinnen wie Jennifer Rostock oder Judith Holofernes, selbst Tochter einer lesbischen Mutter, liefern die Musik. DJanes legen auf. Dazu gibt es von Wachradeln bis Graffiti jede Menge Kurse. Speed-Dating und ein Flirt-Workshop sollen zudem Schüchternen zum Glück verhelfen.

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