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Ziemlich beste Feinde

Werftpark-Theater Ziemlich beste Feinde

Ganz klar: Bei Wolf und Schaf prallen die Welten aufeinander. Im Werftpark-Theater und in Gertrud Pigors Stück Ein Schaf fürs Leben nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Maritgen Matter. Das feierte nun Premiere.

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Zwei, die zueinander nicht kommen können: Schaf (Marie Kienecker) und Wolf (Tom Keller). Oder doch?

Quelle: hfr

Kiel. Ausgangspunkt für ein famoses Katz-und-Maus-, pardon: Wolf-und-Schaf-Spiel, das Regisseurin Anne Spaeter mit leichter Hand und zwei allerbest gestimmten Schauspielern zum großen Vergnügen des Premierenpublikums anzettelt. Und dabei kann man auch noch schön ins Grübeln kommen – über gängige Zuschreibungen und die Frage, wie weit das Tier aus seiner Haut herauskann.

Er irrt melancholisch durch den Winter, träumt von Lammhaxe und Crème brulée, heult den Mond an und mosert über den Schnee, der ihm die Pfoten so unschön nässt. Derweil hat es sich häuslich eingerichtet im heimischen Stall, spielt Mikado und knuspert gemütlich Nudelhalme.

 Per Schattenspiel und Off-Stimme (von Theaterleiter Norbert Aust) gibt es im gelungenen Intro erstmal komische Nachhilfe in Sachen Wolf und Schaf, warum ersterer weder als Altenpfleger noch als Haustier taugt, und warum die zwei sowieso nicht füreinander gemacht sind. Oder womöglich doch? Zwar scheint die Sache klar, wenn so ein Schaf als leckere Mahlzeit und sonst gar nichts ins wölfische Beuteschema einprogrammiert ist. Aber was tun, wenn die Beute plötzlich vor einem steht, ein Gesicht hat und sich überhaupt als ganz famoses (Zitat Wolf!) Individuum entpuppt? „Schön saftig“ zwar (Seufzer), aber „auch noch nett!“ (sehr großer Seufzer).

 Ein schönes Dilemma, in das sich die beiden tierischen Protagonisten verwickelt sehen auf der von Eveline Havertz mit watteweichen Schneeball-Hügeln und zwei variablen Wänden reduziert ausgestatteten Bühne, die den Spielern allen Raum lässt, zwei wahrhaft komplexe Persönlichkeiten zu entfalten. Tom Kellers Wolf im langen Mantel mit Pelzkragen, mit Gitarre und trübem Blick ein düsterer Grübler à la Nick Cave – kein Wunder, dass Schaf sofort den Künstlertypen in ihm entdeckt. Marie Kieneckers Schaf in molliger Strickjacke und Lederhose ist dagegen ein herzerfrischend soziales Wesen, das frei nach dem Motto lebt: „Sei immer fröhlich, halt nie die Klappe.“

 Den hungrigen Gast hat es mit seiner Unbedarftheit sogleich überrumpelt, in seine Welt eingebaut, zu Heu und Brot eingeladen und munter meckernd bedauert: „Wahnsinn, so einen Hunger hab ich noch nie gesehen.“ Und weil Wolf seine Beute lieber draußen zerlegen würde und in Schaf auch eine kleine Abenteuerlust wohnt, entwickelt sich das Stück vom Kammerspiel im Stall bald zum rasanten nächtlichen Road-Movie auf Wolfs futuristischem Turboschlitten. So kommen sich die Protagonisten nicht unbedingt freiwillig, aber doch unweigerlich näher.

 Anne Spaeter treibt die unmögliche Freundschaft zu Ture Rückwardts schön poppigen Mitsing-Songs ins Doppelbödige, lässt die Akteure spiellustig zwischen Mensch und Tier flirren. Der Theaterzauber entsteht dabei aus der Sparsamkeit der Mittel. Und den Rest besorgen der unnachahmliche Wortwitz von Autorin Gertrud Pigor („Ist es noch weit bis Erfahrungen?“) und die Fantasie der Zuschauer. Bis zur Erkenntnis: Es ist verdammt schwer, von festgeschriebenen Bildern und wohlbekannten Stereotypen abzurücken. Oder: In seltenen Fällen können Wolf und Schaf doch zumindest mal ziemlich beste Feinde werden?

 Theater im Werftpark. Vorstellungen: 19. + 22. November, 3. Dezember. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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