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Webweste trifft auf Nadelstreifen

Werkstatt-Theater mit Rezas „Der Gott des Gemetzels“ Webweste trifft auf Nadelstreifen

Zwei Elternpaare sitzen zusammen, um über die Schulhofprügelei ihrer Söhne zu verhandeln – einer hatte dabei zwei Vorderzähne eingebüßt. Zunächst von Höflichkeit und Zurückhaltung geprägt, gerät das Treffen zunehmend aus den Fugen. Am Ende sind die Kinder Nebensache, stattdessen offenbaren sich Abgründe in den Beziehungen der Erwachsenen.

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Vier Figuren, die sich demaskieren: Anja Brandtner, Joachim Wendt, Silke und Jörn Arens proben „Der Gott des Gemetzels“.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels, 2006 in Zürich uraufgeführt, wurde binnen zwei Jahren zum erfolgreichsten deutschsprachigen Theaterstück der letzten Jahrzehnte. Roman Polanskis Hollywoodverfilmung mit Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz sorgte 2011 für einen zusätzlichen Popularitätsschub. Das Werkstatt-Theater kennt keine Berührungsängste mit derart großen Stoffen. Nachdem man 2005 Rezas Erfolgsstück Kunst (1994) aufgeführt hat, feiert Kiels etabliertes Amateurtheater am 23. September mit Der Gott des Gemetzels im Theater am Wilhelmplatz Premiere.

 Bei der Probe in der Fröbelschule trifft alternative Webweste auf Nadelstreifenanzug, Bequemschuh auf Highheels. Auf dem Wohnzimmertisch liegen die unverzichtbaren Kunstbände herum – einer davon wird im Laufe des Spiels allerhand aushalten müssen, wenn die Mutter des Übeltäters (Anja Brandtner) sich infolge reichlichen Alkoholkonsums übergibt. Eigentlich ist also alles, wie man es kennt – oder doch ein bisschen anders? „Natürlich haben wir Respekt vor dem Original, aber wir betrachten das Stück vor allem als Herausforderung“, sagt Regisseur Horst Heutmann. Er setzt bei seiner Inszenierung auf eigene Akzente in der Charakterzeichnung der Figuren, die sein vierköpfiges Ensemble mit Freude an der komischen Überzeichnung auf die Bühne bringen will. Wichtig ist hier unter anderem der Sinn für ein gutes Timing und schon beim Probenbesuch wird deutlich, mit wie viel Lust die Akteure das peinliche Schweigen zwischen den Kontrahenten zelebrieren, während das gastgebende Paar verzweifelt gegen die gelangweilte Überheblichkeit der Besucher anlächelt.

 „Das Stück ist kein Schenkelklopfer“, so Heutmann. „Es wird zwar übertrieben, aber in einer Weise, dass sich der eine oder andere wiedererkennen kann – nach dem Motto: Ganz so schlimm bin ich ja doch nicht.“ Dabei hat der Regisseur das von der Autorin in Frankreich und Polanski in den USA verortete Geschehen nach Deutschland verlagert. „Aber eigentlich ist das egal. Es geht um westliche Werte und was hier stattfindet, könnte sich überall zutragen.“ Bei der Namensgebung hat er sich nicht nehmen lassen, vielsagende Spitzen einzubauen. Schauspielerin Silke Arens: „Es macht einfach Spaß zu zeigen, wie die Figuren sich mit der Zeit demaskieren.“

 Aufführungen am 23. + 24.9. (20 Uhr) im Theater am Wilhelmplatz. Weitere Termine/Karten: www.werkstatt-theater-kiel.com oder Tel. 04348/9281

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