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So cool, so berührend

Westside Story in Lübeck So cool, so berührend

Vor 25 Jahren, am 14. Oktober 1990, starb Leonard Bernstein. In Schleswig-Holstein ist der Dirigent und Pädagoge als Leitfigur des SHMF unvergessen, international hinterließ der Komponist vor allem mit seiner Westside Story als „Mutter des Musicals“ bleibende Spuren. Am Theater Lübeck hatte drei Tage nach dem Todestag die moderne Lesart des klassischen Romeo-und-Julia-Stoffes Premiere.

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Dramatische Entwicklung: Szene mit (v.r.) Tony (Raphael Pauß), Riff (Thomas Christ) und Bernardo (Kai Bronisch).

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Begeisterter Beifall für eine vertraute, unverkrampft aktualisierte Umsetzung mit temperamentvollen und anrührenden Akzenten.

Rivalisierende Gangs, latent schwelende und stetig eskalierende Konflikte zwischen Einheimischen und Einwanderern: In der Großstadttristesse der Westside Manhattans bringen Jets und Sharks Schwung und Farbe auf die meist betonkarge, dabei nicht statische Bühne, grenzen fetzig-coole Boys ihr New Yorker Revier gegen feurig-elegante Puerto-Ricaner ab (Bühne und zeitgemäße Kostüme: Katja Lebelt). Choreografin Kati Heidebrecht kostet die kulturellen Kontraste mit gekonnten Tanzeinlagen von Hip-Hop bis Tango aus. Das verdient besonderen Respekt – in Lübeck kann sie bekanntlich nicht auf ein eigenes Ballettensemble aufbauen, sondern führt Talente aus Jugendclub, Statisterie, Opernchor mit Hip-Hoppern und dazu einigen Profis stimmig zusammen.

 In der Regie von Wolf Widder, der die Zeitlosigkeit des 1957 nachhaltig von Jerome Robbins inszenierten Stoffes den Aufführungsrechten gemäß nur dezent und smartphonekulturell anreichert, spielen diese dynamischen Einlagen natürlich eine zentrale Rolle. Und verstärken den Kontrast zu jener tragischen Leidenschaft, die sich, wie in einer anderen Welt, zwischen Maria und Tony entwickelt. Was bei Shakespeare der Balkon, ist hier die Feuerleiter an der kalten, beschmierten Hauswand – den großen Gefühlen steht das nicht im Wege: Evmorfia Metaxaki und Raphael Pauß machen Maria und Tony zum Traumpaar, das in der Realität freilich nicht bestehen kann.

 Die reizende Sopranistin, im Lübecker Ensemble gerade auch als Marzelline in Beethovens Fidelio auf der Bühne, gestaltet ihre Partie wohldosiert mit jugendlicher Leidenschaft, schmachtender Verzweiflung und gereifter Dramatik. Ja, so kann Bernsteins Musical große Opernstimmen bestens vertragen. Ein wenig verhaltener und dennoch überzeugend agiert der gastierende Tenor, stimmlich wie auch in der Darstellung des ins bürgerliche Leben strebenden Jet-Aussteigers Tony. Herausragend verkörpert zudem Femke Soetenga die heißblütige Anita. Kai Bronisch als ihr Bruder Bernardo, Thomas Christ als Riff und Michael Ewig als Chino stehen vor vielen anderen ebenfalls für eine starke Bühnenpräsenz als Sänger, Tänzer und Schauspieler.

 Unterhalb der Bühne geben die Philharmoniker mit ihrem musicalerprobten 2. Kapellmeister Ludwig Pflanz in voller musikalischer Bandbreite dem spannungsvollen Geschehen zusätzlichen Drive. Dramatische Oper, groovender Jazz, multikulturelle Klangwelten, fetziger, auch schwülstiger US-Musicalsound, mal schrill bis zur Schmerz-, dann wieder lyrisch bis zur Tränengrenze – das ist es, was Bernsteins Westside Story so unsterblich macht. In Lübeck kommt das bestens rüber. Wobei einem bei Ohrwürmern wie I feel pretty, Somewhere oder Tonight die deutschen Texte schon ein wenig fremdartig vorkommen.

 Theater Lübeck, nächste Termine 24.+29. Okt., 20.+27. Nov., 16.+31. Dez. Karten 0451/399600, www.theaterluebeck.de

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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