25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Wundern über Welse und Gaddafi

Wladimir Kaminer Wundern über Welse und Gaddafi

Es dauert nicht lang, da hat Wladimir Kaminer auch in der voll besetzten Werkhalle am Museum Tuch und Technik seine Zentrifugalkraft entfaltet. Sein Kosmos, der irgendwo in ihm selbst beginnt, sich dann ausbreitet auf Familie und Freunde und von da aus hineinwuchert in die Phänomene des Alltags und der Welt.

Voriger Artikel
Niederdeutsche Bühne mit frischem Wind
Nächster Artikel
Ausstellung zeigt Lübeck als Kunstmetropole im Ostseeraum

Charmanter Fabulierkünstler: Wladimir Kaminer.

Quelle: Manuel Weber

Neumünster. „Ich hab‘ da noch eine Gartenkarriere laufen“, sagt Wladimir Kaminer. In Nordbrandenburg, wo die Natur nach Belieben mitgestalten darf und „wo jeder hinvegetieren kann, wo er will“. Eben war noch die Rede von Welsen, groß wie Lkw, gewesen, und wie man sie angelt – gern unter Einsatz eines lautmalenden Songs des in der Sowjetunion einst höchst populären, heute vergessenen Sängers Afric Simone. Jetzt geht es um Grünzeug wie die Japanische Wunderkerze (13,95 Euro), die in Russland unter dem Namen Morgenröte an jeder Straßenecke blüht – ganz umsonst.

 Es dauert nicht lang, da hat er auch in der voll besetzten Werkhalle am Museum Tuch und Technik seine Zentrifugalkraft entfaltet, Kaminers Kosmos, der irgendwo in ihm selbst beginnt, sich dann ausbreitet auf Familie und Freunde und von da aus hineinwuchert in die Phänomene des Alltags und der Welt. In 22 (oder sind es schon 23?) Büchern hat der Exilrusse, der seit 1990 in Berlin lebt, seit Russendisko (2000) seine Welt ausgebreitet, oder besser, seine anhaltende Verwunderung darüber, wie sie so läuft. Und das hat mal wieder erstaunlich viel mit dem Leben der anderen zu tun. Weshalb auch viel gelacht und beifällig genickt wird.

 „Am liebsten“, sagt er auf der großen Bühne, deren Leere man vergisst, sobald Kaminer hinterm Mikro steht und gut gelaunt loslegt, „lese ich Geschichten, die es noch gar nicht gibt.“ Im Buch meint er, also Werke, die eben erst entstanden sind. Etwa das von der reiselustigen Oma (83), die nach 23 Jahren an der VHS Lichtenrade ein Englisch spricht, dass die sprachbegabte Enkelin nur als „Fake“ bezeichnet. Eigentlich ist es sowieso egal, was Kaminer vorliest, ob das die Geschichte ist von den Welsen oder von Gaddafis letztem Moskau-Besuch, bei dem Putin den Oberst zum Konzert der in Russland gleichfalls beliebten Mireille Mathieu mitschwatzt (beide aus dem aktuellen Buch Das Leben ist (k)eine Kunst) oder eine der Episoden um Erziehung und Erwachsenwerden, die der Vorgängerband Coole Eltern leben länger versammelt.

 Das Gedruckte ist ohnehin nur Ausgangspunkt für Kaminers frei fließenden, von diesem sorgsam kultivierten Russenakzent befeuerten Erzählstrom, der sich direkt in die lustvolle Abschweifung erweitert. Da driftet die Wirklichkeit wie von selbst ins Herbeifabulierte, mischt sich russische Seele mit deutschem Ordnungssinn, kommt die Beobachtung frechklug karikierend auf den Punkt. Da können Erkenntnisse herauskommen wie diese: „Russen können ihre Präsidenten an einer Hand abzählen, auch wenn schon drei Finger abgefroren sind.“ Oder – in Zeiten, in denen die halbe Welt auf der Flucht ist – der Blick zurück auf Kaminers eigene Ankunft vor 25 Jahren in Ost-Berlin. Und in einem Land, das einem erstmal vermittelte, dass „ohne Haftpflichtversicherung kein organisches Leben möglich sei“.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3