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Zwischen Wodka und Wahn

Deutsche Erstaufführung: "Eisbilder" am Theater Rendsburg Zwischen Wodka und Wahn

Finnland steht im Mittelpunkt des ersten skandinavischen Theater- und Literaturfestivals "Nord" in Rendsburg. Und das Stück "Eisbilder" des finnischen Autors Kristian Smeds sorgte in der deutschen Erstaufführung in den Kammerspielen am Theater Rendsburg für eine spannende Eröffnung.

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Zwischen Distanz und Nähe: (v.li.) Reiner Schleberger, Flavio Kiener, Melina von Gagern, Neele Frederike Maak und Christian Simon.

Quelle: henrik matzen

Rendsburg. Es könnten ein paar Fremde sein, die der Schneesturm hereingeweht hat. Fünf Leute, zusammengetrieben in dieser Mischung aus Turnhalle und Notlager im Einheitsbirken-Look, die Ausstatterin Lucia Becker in die Kammerspiele des Landestheaters Rendsburg gebaut hat.Und Regisseurin Grazyna Kania macht in der deutschen Erstaufführung von Eisbilder auch gar nicht erst den Versuch, eine Familiengeschichte zu stricken aus den zehn zusammengewürfelten Szenen, die der finnische Theatermacher Kristian Smeds schon vor einigen Jahren in der nordfinnischen Kleinstadt Kajaani, dem Standort seines Ensembles, auf die Bühne brachte.

 „Ein theatrales Familienalbum“ nennt Smeds, der zur Premiere angereist war, sein Stück, in dem die Sprache mal roh und ruppig wütet, mal lyrisch aufgeladen schwingt, Dialog ist und Erzählung zugleich. Da ist die alleinerziehende Mutter und Krankenschwester, die ihren monatlichen freien Tag mit wechselnden One-Night-Stands und Alkoholabstürzen füllt. Die Tochter, die raus will aus der Provinz und in der großen weiten Welt auch nur wieder die Begrenztheit der Kleinfamilie und einen prügelnden Mann findet. Oder Harri, der Dreijährige, der es unten im Fluss als Ertrunkener vielleicht besser hat als unter den Lebenden. Und dazwischen rotten sie sich zusammen, rufen nach Gott und singen Kirchenlieder. Da wird die Sprache zum Klangraum wie in dem wunderbaren Ich-Chor, der von der Selbstvergewisserung zum motzigen Krakeel und dann in den Rap rutscht.

 Im krassen Widerspruch zur Helle des Raums stehen Smeds‘ dunkle Bilder, die das (finnische?) Familienleben irgendwo zwischen Wodka und Wahn, Prügel und Religiosität verzurren, mal zynisch realistisch, mal mystisch krude. „Da steckt echte Poesie drin“, ätzt die Mutter über das ganze normale Frauenleben, während die Figur der „Geliebten“ im letzten Bild das Mysterium des Lebens zu ergründen sucht.

 Grazyna Kania nimmt in ihrer Inszenierung diese Widersprüche auf, macht sich gerade das Disparate und Disharmonische, das Abgebrochene und Zerrissene zunutze – und lässt ihre Schauspieler damit spielen. Die schwirren durch den Raum, fallen in die Rollen, die ein Familienzusammenhang so bereithält, und wieder heraus, stürmen und umlauern sich, leiden und tanzen Tango, beschwören und malen auf die Wände – bei aller sichtlichen Spiellust von Regie und Choreografie (Jennifer Ocampo Monsalve) feinnervig geführt.

 Wie Sportler, die ihre Geräte erproben, testen sie ihre Rollen und beleuchten sie gleichzeitig aus kühler Distanz. Melina von Gagern ein verzweifelt stolzes Muttertier, Neele Frederike Maak ein lebensgieriger Derwisch. Die Männer ähnlich zerrissen wie Reiner Schlebergers verhinderter Vater, Flavio Kieners zweifelnder Prediger, Christian Simons bestürzend gewalttätiger Ehemann. Und alle zusammen suchen sie nach Identität und (Familien-)Zusammenhang.

 In schwächeren Momenten kann das auch mal zerdehnt und überfrachtet wirken, sieht man die Bemühung, dem Text seine Tiefe zu entlocken. Vor allem aber kann man sehen, wie zwischen Distanz und Nähe das Menschliche erkennbar wird und sich in kurzatmigen Wortwechseln, Geschichten und Tanz Lebensspuren offenbaren. Spannender Auftakt für das erste skandinavische Theater- und Literaturfestival „Nord“, das Landestheater und Nordkolleg Rendsburg an diesem Wochenende auf die Beine stellen.

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