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"Die einzige Konstante ist die Veränderung"

Wolfgang Niedecken im Interview "Die einzige Konstante ist die Veränderung"

Wolfgang Niedecken ist mit BAP bald wieder zu Gast in Kiel. Im Interview spricht er über das neue Album „Lebenslänglich“, um Niedeckens Teilnahme bei „Sing meinen Song“ und die anstehende Tour zum 40-jährigen Bestehen der Band, die sie am 28. Mai auch in die Kieler Sparkassen-Arena führen wird.

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Wolfgang Niedecken ist im Mai mit BAP in Kiel zu Gast.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Kieler Nachrichten? Da fällt Wolfgang Niedecken zu Beginn des Interviews im Kieler Radiozentrum prompt etwas ein. Da gibt’s ein Foto im zwölfseitigen Tourheft zur BAP-LP „Bess Demnähx“, dem ersten Live-Album von 1983 der Kölner Rockband. Dieses Bild zeigt den Blick in einen Truck mit Stapeln von Equipment-Koffern an der Ostseehalle geparkt, darüber und daneben zu lesen „Kieler Nachrichten – Tag für Tag“. Das Gespräch im Anschluss dreht sich unter anderem um Fans von BAP, das neue Album „Lebenslänglich“, um Niedeckens Teilnahme bei „Sing meinen Song“ und die anstehende Tour zum 40-jährigen Bestehen der Band, die sie am 28. Mai auch in die Kieler Sparkassen-Arena führen wird.

Haben BAP besonders konservative Fans?

Wolfgang Niedecken: In welcher Beziehung? Musikgeschmack, politische Einstellung oder was?

Ich habe sogar unter den positiv gestimmten Kommentaren zum neuen BAP-Album einige gefunden, die BAPs Rockorientierung von einst vermissen.

Man darf die BAP-Fans nicht ausschließlich auf Facebook vermuten.

Ich beziehe mich auf Kommentare bei Amazon.

Amazon auch. Das ist ’ne ganz besondere Sorte von Menschen, zum Teil auch einsame Menschen, die irgendwo mitkommunizieren wollen. Ich würde mich jetzt nicht festlegen wollen, dass irgendwelche Fans, die jetzt da was dran vermissen, die Mehrzahl der Fans ist. Ich interessiere mich sowieso nicht für Zielgruppen, wenn ich einen Text schreibe. Wenn konservativ heißt, dass ich jetzt immer wieder das abliefern soll, was in der ersten Hälfte der 80er Jahre gerne von uns genommen wurde, dann wären wir schon lange weg vom Fenster.

Es wird teils auch zu viel Nostalgie und Nabelschau moniert. Aber das Schöpfen aus dem eigenen Erleben war ja immer ein wesentliches Element in Ihren Texten.

Über wen soll ich denn sonst schreiben? (lacht) Über jemanden, dessen Gedankenwelt ich gar nicht kenne? Die Texte auf dem neuen Album sind alle innerhalb von vier Monaten entstanden. Das ist eben das, was mir in diesen vier Monaten durch den Kopf gegangen ist. Natürlich erzähle ich in „Vision vun Europa“ die Geschichte eines Brüderpaars, das versucht, nach Europa zu kommen. Aber selbst von dieser Geschichte habe ich ja einen Kern selbst erlebt, ich habe ja selber Unmengen dieser Jungs auf der Küstenstraße von Tanger nach Ceuta gesehen und gedacht: Was mag mit denen abgehen, was haben die hinter sich, was haben sie noch vor sich.

Da kommt die Inspiration, und Sie greifen sofort nach dem Stift?

Ja, möglichst schnell. Wenn ich zu lange warte, kann es sein, dass die Idee schal wird. Ich weiß sogar den Moment, wo der Text in der Waage ist, und ab da kann nichts mehr schiefgehen. 

Die musikalischen Ideen zum neuen Album haben vor allem Gitarrist Ulrich Rode und auch Geigerin Anne de Wolf geliefert. Welchen kompositorischen Anteil hatten Sie, der Sie ja auch Musiker sind?

Ich habe bei dem Album nur einen Song selber komponiert, „Die Ballade vom Vollkasko-Desperado“, aber arrangiert haben das auch die beiden. Das ist wirklich etwas, was ich auch nie gelernt habe. Ich kann ja immer noch keine Noten. Ich kann zwar relativ gut Rhythmusgitarre spielen, weil ich die meisten Akkorde kenne, aber was ich im Studio als Gitarrist in der Lage zu leisten bin, das macht ein Lead-Gitarrist unterm Bein her. 

Mir schien es, als klinge Ihre Stimme auf „Lebenslänglich“ dunkler gefärbt klingt als noch auf „Zosamme alt“ oder „Halv su wild“ ...

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns sehr große Mühe gegeben haben mit der Auswahl der Tonarten, in denen ich singe. Es kann sein, dass wir bestimmte Stücke live dann noch mal einen Ton höher spielen. Da habe ich gerade gestern noch mit dem Ulle (Ulrich Rode, d. Red.) telefoniert über das Thema, dass es für Live-Konzerte vielleicht sinnvoll wäre, wenn man ein Stück, zum Beispiel „Unendlichkeit“, statt in F dann doch in G spielt. Du hast live, wenn du höher singst, mehr Kraft in der Stimme. 

Das Wiederaufgreifen des alten Namens „Niedeckens BAP“, sagten Sie in einem Interview, resultiere daher, dass die Zeit der festen Besetzungen bei BAP vorbei sei.

Das mit BAP und der festen Besetzung ist so’n Märchen, das wir viel zu lange aufrecht erhalten haben, damit die Leute happy sind. Die Fans wollen ja immer, dass man ein Ersatzleben für die führt. Die hätten es ja am allerliebsten, dass wir immer noch in unserer Stammkneipe stehen und uns überlegen, wo wir denn morgen am besten mal die Welt spontan aus den Angeln heben. Aber tut mir leid, ich führe kein Ersatzleben. Bei BAP ist die einzige Konstante die Veränderung. Bis zum dritten Album hieß die Band „Niedeckens BAP“, dann haben wir meinen Namen weggelassen, und jetzt heißt sie halt wieder so, weil wir – und das ist der eigentliche Hauptgrund – so terminlich besser planen können.

Sie werden wegen Ihrer Texte und Statements durchaus berechtigt als auch politisch motivierter Künstler wahrgenommen. Stört es Sie nicht manchmal – insbesondere in der jetzigen Zeit – mehr auf politische und gesellschaftliche Ereignisse angesprochen zu werden als auf Ihre Musik? 

Manchmal stört das, ja. Bei dem, was da in der Silvesternacht in Köln passiert ist, kann ich das nachvollziehen. Ich versuche dann, nicht zu kneifen und dazu meinem Wissenstand entsprechend was Sinnvolles zu sagen. Ich werde sehr viel zum Thema Musik gefragt, aber momentan ist das Thema Flüchtlinge alles beherrschend. 

Haben Sie jemals überlegt, selber in die Politik einzusteigen?

Nein, ich bin überhaupt kein Politiker. Ich bin ein politisch interessierter Mensch, ich bin ein Zeitungsjunkie. Ich bilde mir sehr gern meine eigene Meinung, und die ist auch nicht parteiabhängig. 

Schon länger steht fest, dass Sie im Frühjahr an der dritten Staffel der TV-Reihe „Sing meinen Song“ teilnehmen. Jetzt ist kürzlich im Kontext seiner später wieder verworfenen Teilnahme am Eurovision Song Contest erneut Kritik an Xavier Naidoo, Gastgeber von „Sing meinen Song“, laut geworden wegen seiner politisch umstrittenen Aussagen. Hatten Sie irgendwelche Skrupel, bei der Show mitzuwirken?

Überhaupt nicht. Den Xavier kenne ich seit ewigen Zeiten, ich weiß ganz genau, dass der kein Nazi ist und dass er auch nicht homophob ist oder sonst was. Der kann sich da wahrscheinlich auch ’nen Wolf an die Lippe quasseln, das wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Ich kenne den als einen wirklich sehr angenehmen, kompetenten Kollegen. Ich mache mir da eher Sorgen, wie er diese Häme auf die Reihe kriegt. Aber er ist da wohl in seinem Glauben so gefestigt, dass ihm das nix ausmacht. Wir haben uns oft darüber unterhalten, und er sagte: Die können mir nix. Es kann einem ja keiner vorwerfen, dass man über Verschwörungstheorien nachdenkt. Das ist ja nicht gesetzlich verboten. Wir leben schließlich in einem freien Land. Gott sei Dank!

Und das Format selbst? Ist das für Sie einfach ein Spaß, eine Herausforderung?

Als ich zum ersten Mal gefragt wurde, zur ersten Staffel, konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen – was soll denn das fürn Scheiß sein. Das schien mir zu nah an „DSDS“ oder irgendwelchen „Voice-of-Germany“-Wettbewerben, die ich nicht machen würde. Weil ich finde, dass im weitesten Sinne Kunst nichts mit Stabhochsprung zu tun hat. Wer will denn das bemessen, wer will denn da sagen, was gut und was schlecht ist? Es gibt ganz wenige objektive Maßstäbe, um etwas zu beurteilen. Sobald es professionell gemacht ist, ist der Rest Geschmackssache. Dann habe ich aber mitgekriegt, was das bei „Sing meinen Song“ abgegangen ist, und Live-Musik im Fernsehen dann tatsächlich doch etwas ist, was die Leute interessieren kann. Bis dahin war Live-Musik genau der Zeitraum, wo die Leute entweder pinkeln gegangen sind oder ein neues Bier aus dem Kühlschrank geholt haben oder sie haben halt weggezappt. Aber diesen respektvollen Umgang mit dem Werk des anderen, das mögen die Leute anscheinend und sie mögen auch, dass man sich über Musik unterhält. Ganz merkwürdig. Und dass es bei einem Sender wie Vox untergekommen ist ... ich meine, die Öffentlich-Rechtlichen werden sich heute in den Arsch beißen, dass sie das Format nicht übernommen haben. Die sind ja wirklich mit dieser Idee rumgelaufen wie mit stinkenden Fischen. Anfangs habe ich gedacht, da werde ich wohl auch ein bisschen Prügel für kriegen, aber ich kriege keine. Erstaunlicherweise. „Sing meinen Song“ ist akzeptiert. Ich habe allerdings gewartet, bis alle anderen feststanden bei dieser dritten Staffel, weil ich sicher sein wollte, dass ich keinen Schlager singen muss. Wenn jetzt jemand aus dem Schlager-Metier dabei wäre – was ja auch funktioniert hat bei den beiden ersten Staffeln, wie heißt dieser Alpen-Elvis ...?

... Gaballier ...

... da würde ich nicht mitmachen wollen. Nix gegen den Kollegen, aber mit diesem Genre will ich nichts zu tun haben. 

Gibt es denn einen Song, auf den Sie sich besonders freuen?

Genaugenommen freue ich mich auf alles, denn ich habe mir ja schon meine Songs ausgesucht. Die darf ich natürlich nicht nennen, dann ist die Überraschung weg. Aber ich freue mich da wirklich drauf. Teilweise habe ich auch autobiografische Bezüge zu, mehr darf ich aber wirklich nicht sagen (lacht). 

Ist man da ganz frei in der Auswahl?

Völlig frei. Das Procedere geht so, dass da jeder etwa 30 Songs aus seinem Repertoire anbietet, um dem jeweiligen Kollegen die Arbeit zu erleichtern. Man kann aber auch alle anderen Songs nehmen. Wenn ich sagen würde, mir fehlt jetzt bei Xavier ein bestimmter Song oder bei Nena, dann kann ich den trotzdem machen. Ich habe erfreulicherweise alle Songs gekriegt, die ich wollte. Es war keiner dabei, wo jemand anders auch den Hut in den Ring geworfen hätte. Dann würde es ja problematisch. Wäre ja Quatsch, wenn alle jetzt Nenas „99 Luftballons“ singen wollten.

Apropos Auswahl: Im Mai kommen „Niedeckens BAP“ auf der Jubiläumstour auch nach Kiel. Angekündigt sind „die beliebtesten Lieder, die populärsten Songs aus unserem umfangreichen Repertoire“. Ich stelle es mir schwierig vor, aus so einer Masse von Songs eine Quintessenz für ein Live-Konzert zu formen. Wie machen Sie das?

Ich habe die Formulierung „die beliebtesten Lieder“ absichtlich gewählt – man könnte ja auch drüberschreiben „Greatest Hits“ oder „Best of“. Stimmt aber alles nicht, an der Stelle bin dann auch gern ein bisschen wortklauberisch. Denn BAP war nie eine Single-Band. Unser beliebtester Song ist „Do kanns zaubere“, der war nie eine Single, auch nie ein Radio-Hit. Ich weiß ja, welche Stücke live auf jeden Fall zünden. Und ich muss sie natürlich so den Leuten vorstellen, dass sich ein Bogen ergibt. Und dann suche ich die Stücke natürlich auch noch danach aus, dass die Band sie auch gerne spielt. Am meisten nutzen sich lustige Stücke ab. Wenn du einen Lieblingswitz hast und erzählst den zu oft, dann kannst du irgendwann selber nicht mehr drüber lachen. Dann erzählst du ihn besser erst mal eine Zeitlang nicht. Sobald ich beim Konzert merke, jemand ist da nicht mehr bei der Sache, dann frage ich den, was ist damit los, und wenn die Antwort ist, ich habe auf die Nummer keinen Bock mehr, dann wird die beim nächsten Konzert ausgewechselt. Wo ist das Problem? Wir haben ja genug. 

Es gibt ja auch die Idee, Peter Gabriel etwa hat das mal gemacht, die Fans entscheiden zu lassen.

Ja, das machen wir mit fünf Songs vom neuen Album. Die können die Leute selber auswählen – wobei ich mir aber schon vorstellen kann, was sie aussuchen. Schau‘ mer mal, dann seh’n wir schon!

Könnte es sein, dass diese neuen Lieder live ein bisschen untergehen?

Nee, auf keinen Fall. Mehr oder weniger machen wir das ja schon die ganze Zeit, nur eben in einer anderen Gewichtung. Normalerweise geht ein BAP-Programm: Ein Drittel Songs, die jeder kennt. Ein Drittel Songs, die vielleicht jeder kennt. Und ein Drittel Risiko – dazu zählen auch die Songs vom neuen Album. Das ist eine wunderschöne Mischung, die uns dabei hilft, uns zu erneuern. Wenn wir immer nur dem Affen Zucker geben würden, dann wären wir längst als unsere eigene Coverband im Bierzelt geendet. Mit Sicherheit. 

Sonnabend, 28. Mai, 20 Uhr, Sparkassen-Arena-Kiel (Europaplatz 1)

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