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Ein rhetorisches Gemetzel

Tracy Letts „Eine Familie“ im Landestheater Ein rhetorisches Gemetzel

An diesem heißen Spätsommertag fächeln sich die Menschen im Stadttheater Rendsburg mit ihren Programmheften Luft zu. Sie können vielleicht noch nicht ahnen, dass ihnen mit "Eine Familie" des US-Autors und Schauspielers (Homeland) Tracy Letts das Blut in den Adern gefrieren wird.

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Erkaltete Gefühle auf vielerlei Ebenen: Starke Ensembleleistung in „Eine Familie“ - hinten Ingeborg Losch als Violet Weston.

Quelle: *

Rendsburg. Regisseur und Schauspieldirektor Wolfram Apprich hat sich das in Hollywood prominent verfilmte und Pulitzer-Preis gekrönte Stück für die Saisoneröffnung des Landestheaters ausgesucht.

 Die Gemeinheiten in dieser Geschichte sind so direkt und böse, der Witz, wenn es denn wirklich einer ist, so scharf und garstig, die Lust am Verletzen so ausgeprägt, dass so etwas wohl nur einer zu Papier bringen konnte, der damit gegen seine eigenen Dämonen kämpft. Nicht von ungefähr erinnert Eine Familie neben Werken von Anton Tschechow oder Tennessee Williams sehr an Lars Noréns Zimmerschlachts-Drama Dämonen. Tatsächlich verarbeitet Tracy Letts mit schonungsloser, fast selbstzerstörerischer Offenheit seine eigene Familiengeschichte. Den Selbstmord seines Großvaters mütterlicherseits und die daraus resultierende Drogenabhängigkeit seiner Großmutter.

 Im Drama ist es nun die 65-jährige krebskranke und ebenfalls drogenabhängige Violet Weston, die ihre Familie um sich schart, weil ihr Mann, das Oberhaupt ihres innerlich zerrütteten Clans, Selbstmord begangen hat. Ein Treffen, bei dem heikle Themen wie Pädophilie und Inzucht ebenso zur Sprache kommen wie Verlustängste, Eifersucht oder so etwas ähnliches wie junge Liebe. Der Familienkrieg wird kaum hitzig geführt, dafür sind die Gefühle der Mitglieder unter-und füreinander offenbar zu erkaltet. Nein, mit der nüchternen Präzision eines Chirurgen wird hier dem Gegenüber das rhetorische Messer wahlweise in den Rücken, in die Brust oder direkt ins Auge gestoßen. Doch stets spürt man, dass jeder dieser Hiebe den Angreifer mindestens ebenso verletzt wie das Opfer. Gewinner gibt es in dieser Familie schon längst keine mehr. Vielleicht hat es sie nie gegeben.

 Mutig und höchst konsequent setzt Apprich diese so trostlose, mit beinahe mechanischer Zuverlässigkeit voranschreitende Familien-Dämmerung in Szene. Er organisiert das hervorragend disponierte und von Ingeborg Losch als zwar derangierte aber nicht würdelose Violet angeführte elfköpfige Ensemble (von dem jedes einzelne Mitglied einen lobenden Absatz verdient hätte) in verschiedene Tableaus. Der Schauspieldirektor schafft damit Verbindungen, Spannungen und Beziehungen über das äußere Arrangement, lässt viel Luft, damit sich die giftige Atmosphäre in diesem Haus ungehindert ausbreiten kann.

 Wobei Apprich das (Alb-) traumhafte, exzellent ausgeleuchtete Bühnenbild von Mirjam Benkner mit dem im Bühnenhintergrund angedeuteten dunklen Wald, der langen Treppe zu einer Tür, die scheinbar ins Nichts führt, dem Fenster, das einfach vom Schürboden hängt, und den wuchtigen Stufen links und rechts schon fast freudianische Hilfe leistet. Auch die Musik von Christoph Coburger hatte ihren Anteil am so großartigen wie beklemmenden Gesamteindruck des Abends. Dennoch mochte sich zum Schluss nicht jeder im Saal den stehenden Ovationen anschließen.

Weitere Vorstellungen: 17.9. und 29.9. (19.30 Uhr) Slesvighus Schleswig; 18.9.(19 Uhr) Stadttheater Rendsburg. Mehr Termine /Infos: www.sh-landestheater.de

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