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Songwriting gegen Feierabendlaune

XPLAIN in Kiel Songwriting gegen Feierabendlaune

Die ungezwungene Atmosphäre des eigentlich großartigen Brückenfestivals an der Kieler Hörn hat leider auch seine Tücken. Die offenbaren sich dann, wenn das Publikum vor lauter – sicher wohlverdienter – Feierabendlaune vergisst, dass wenige Meter von den Bierbänken entfernt eine Künstlerin auf der Bühne steht, die bei freiem Eintritt versucht, ein Konzert zu spielen. So hatte es Christina Spengler alias XPLAIN am Sonnabend wahrlich nicht leicht, sich mit ihrem durchaus hörenswerten, zuweilen sphärisch-verhangenen aber immer ein Mindestmaß an Konzentration erfordernden Electronic-Pop gegen die ausgelassene Stimmung bei den (Zu)hörern durchzusetzen.

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Christina Spengler alias XPLAIN.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Als äußerliche Merkmale ließen das schwarze Kostüm und eine maskenartig geschminkte Augenpartie zwar vermuten, was Christina im Inneren umtreibt. Dennoch ist ihr Songwriting bei weitem nicht so düster wie man deswegen erwarten würde. Ghost Of The Past etwa ist eine wunderbare, eingängige Ballade, Take Care lädt mit seinen voluminösen E-Drums und maßvoll eingesetzten Techno-Komponenten (Keyboards und Programming: Ric Plain) zum Tanzen ein, während sich Shine A Light trotz seiner elektronischen Grundierung in einen bequemen Pop-Mantel hüllt. Dennoch liegt ein gewisser Schatten über den Songs, die deswegen aber nicht trüb, sondern eher geheimnisvoll wirken. Christinas Gesang lotet die Winkel und Ecken ihrer Kompositionen genau aus und vermeidet es, sich zu sehr gegen das unruhige Umfeld zu stemmen. Selbst als die Gesellschaft eines Junggesellinen-Abschieds ohne Rücksicht auf Verluste die Spielstätte zu entern beginnt, reagiert die Sängerin vergleichsweise gelassen. „Gut, dann spiele ich jetzt einen echten Love Song“, sagt sie und hält Wort, auch wenn das wohl kaum einer gehört hat. Ebenso unbemerkt verlässt die dann irgendwann die Bühne. „Egal, nach dem Konzert fühle ich mich immer gut“, sagt sie uns gut gelaunt, während sie ihr Equipment in den neben der Bühne geparkten kleinen Nissan Micra stopft. Aber dann gibt sie doch zu, „am Anfang des Abends hatte ich schon etwas mehr Selbstvertrauen.“ Und wahrscheinlich wäre diese relevante Künstlerin in ausgesuchten Clubs tatsächlich besser aufgehoben.

Gegen die kühlen, aber eben nicht kalten Klänge von XPLAIN setzten Kay Kankowski und seine formidable Band im Anschluss auf warme „unplugged“-Klänge mit Lagerfeuer-Charme. Blues, Country, Folk, ein Hauch von Jazz und eine Prise Rock mischt der in Schleswig-Holstein beheimatete Sänger und Komponist in sein behagliches Programm, und sorgt damit für einen wohlklingenden Schlussakkord des diesjährigen Brückenfestivals.

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