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Wie Puppen tanzen

Ballett „Coppelia“ hat in Kiel Premiere Wie Puppen tanzen

Am Anfang stand die Suche nach einer mechanischen Bewegung. „Mir ist es wichtig, mit der Compagnie in immer neue Richtungen zu gehen“, sagt Choreograf Yaroslav Ivanenko. Am Sonnabend hat „Coppelia“ in Kiel Premiere.

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Herausforderungen zwischen Menschen- und Puppenwelten: Yaroslav Ivanenko bei den Proben zu „Coppelia“.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Ivanenko verbiegt die Gliederpuppe auf dem Tisch. „Ich habe überlegt, wie man das hinkriegt, dass die Tänzer wie Puppen aussehen – so etwas lernt man nicht in der Ballettausbildung.“ Ein bisschen hat Kiels Ballettchef schon 2014 auf den Spuren von Meyerholds Biomechanik damit experimentiert und Alexey Irmatovs Faust in eckige Roboterbewegung getrieben. Im Vorfeld zum kommenden Ballettabend hat er den Versuch zu Minimal Music („Die mag ich sehr“) fortgesetzt. „Das war wie eine Sprache erfinden“, sagt er – eine Sprache, in der er jetzt seine Version von Leo Délibes‘ 1870 von Marius Petipa am St. Petersburger Ballett uraufgeführten Ballettklassiker Coppelia erzählen kann. Am Sonnabend ist im Opernhaus Premiere.

 „Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, das ist doch ein Thema, das uns heute beschäftigt“, sagt Ivanenko , „die Frage, ob Roboter auch Gefühle entwickeln können?“ Dazu passt die Geschichte vom Puppenbauer Coppelius (Martin Anderson), der seinem gelungensten Exemplar eine Seele einhauchen möchte und nebenbei das ganz reale Liebespaar Franz und Svanhilda in eifersüchtige Verwirrung stürzt. Zwei Welten, für die der Choreograf zwei Bewegungsstile braucht: „Die Puppen bewegen sich mechanisch, die Menschenwelt eher neoklassisch …“ Das beschert den Tänzern nicht nur etliche Kostümwechsel; sie müssen auch bewegungstechnisch umdenken. Und auch für Kostümbildner Heiko Mönnich war das eine Herausforderung – auch er hat sich von der Gliederpuppe inspirieren lassen.

 Sehr vage liegt Délibes’ Ballett E.T.A. Hoffmanns düsterer Sandmann zugrunde, aber Dramaturgin Daniela Roth vermutet, dass die Librettisten wohl eher auf Adolphe Adams komischen Einakter Die Nürnberger Puppe zurückgegriffen haben. Ivanenko erzählt die Geschichte noch ein bisschen anders. Da wird Coppelia in der Gestalt von Marina Kadyrkulova selbst aktiv und zettelt unter anderem einen Puppenaufstand an. „Zum einen wollte ich zeigen, dass unsere Welt heute anders tickt als 1870“, sagt der Ballettchef, „außerdem fand ich es schade, dass Coppelia in der Urfassung so wenig tanzt.“ In seiner Fassung ist die Figur von Anfang bis Ende präsent und darf dabei ein ausgeprägtes Eigenleben entwickeln: „Coppelia will wissen, wie sich die Liebe anfühlt. Und dafür probiert sie ein paar Sachen aus.“ So hat sich sein Stück ganz nebenbei um Coppelia und Svanhilda zu einem „Ballett der starken Frauen“ entwickelt.

 Die neue Bewegungssprache gibt auch der romantischen Musik mit ihren Walzern und Volkstänzen ein anderes Format. Gut so – denn eigentlich, das gibt der Ballettchef schmunzelnd zu, habe er mit Délibes’ Komposition zunächst gar nicht so viel anfangen können: „Sie erschien mir wie Zirkusmusik. Wenig dramatisch und folkloristisch verspielt.“ Für die Dramaturgie hat er die Originalmusik mit Kapellmeister Moritz Caffier hier und da umgestellt. Und Folklore wird es bei Ivanenko nicht geben. Der Optimismus der Musik aber soll sich durchaus im Tanz spiegeln – schließlich nimmt auch Ivanenko die Geschichte eher komisch. Am Anfang habe er auch mal an Frankenstein gedacht, sagt er: „Aber wir zeigen ein Familienstück, und da wäre mir so eine gothic novel viel zu düster.“

  Premiere im Opernhaus Kiel am Sonnabend, 5. November, 19.30 Uhr. Restkarten unter Tel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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