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Zwischen Puppenreich und Menschenwelt

Ballett „Coppélia“ im Kieler Opernhaus Zwischen Puppenreich und Menschenwelt

"Coppélia" gehört zum Standardrepertoire des klassischen Balletts. Es überrascht daher kaum, dass Kiels Ballettchef nach "Der Nussknacker", "Schwanensee" und "Dornröschen" das 1870 uraufgeführte Werk von Léo Delibes in den Spielplan gehoben hat.

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Unheimliche Begegnung in Coppelius’ Puppenwerkstatt: Franz (Shori Yamamoto) und Coppélia (Marina Kadyrkulova).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. . Coppélius ist mehr als zufrieden. Von fahriger Euphorie beseelt, überprüft er die Beweglichkeit der Arme und Beine seiner mechanischen Puppe, deren Körper noch kopflos auf einem Rollwagen vor ihm hockt. Dann wird der Kopf aufgesetzt, ein Kostüm ausgesucht und die Puppe zum Ankleiden von der Bühne gerollt. Einen Moment später ist sie wieder da und ahmt zum Entzücken ihres Schöpfers selbstständig seine Bewegungen nach – eckig und immer wieder einrastend mit leichtem Nachwippen des steifen Körpers.

 Die historische Handlung hat Ivanenko in seiner „Coppélia“ erfrischend grundüberholt, überraschende Pointen platziert und der Titelheldin viel Raum gegeben, einen durchaus widerborstigen Charakter zu entfalten. Stürmischen Applaus gab es nach der gelungenen Premiere unter der versierten musikalischen Leitung von Moritz Caffier für Yaroslav Ivanenko und sein durchweg hervorragendes Ensemble.

 Der Abend ist ein Fest fürs Auge. Dafür sorgt unter anderem das magisch anmutende Bühnenbild von Norbert Ziermann. Ein stattliches Bürgerhaus lässt er wie durch Zauberhand Ansicht und Größe wechseln und stattet es mit einem hydraulisch beweglichen Kellergeschoss aus, das Einblicke in die Werkstatt eines harmlosen Frankensteins gewährt. Zwischen allerhand menschlichen Ersatzteilen und nützlichem Krimskrams vom Werkzeug bis zum Regenschirm spielen sich hier kleine Dramen ab in der Ballettversion von Ivanenko, der Coppélia einen stattlichen Trupp unfertiger Dummys zur Seite stellt, die im Keller ihrer Vollendung harren. In beigebraunen Trikots mit anonymisierender Gaze vor den Gesichtern erinnern die Tänzer an hölzerne Gliederpuppen (Kostüme: Heiko Mönnich), die sich in eingefrorener Pose trefflich von ihrem Meister hin- und herräumen lassen. Später folgen sie mit mechanischen Bewegungen in soldatischem Gleichschritt dem Kommando einer Coppélia, die mit Soldatenhut und Schärpe zum weiblichen Napoleon mutiert. Marina Kadyrkulova hat die steife Körpersprache des Automaten glänzend verinnerlicht. Man meint die Scharniere quietschen zu hören, wenn sie in kinetisch undenkbaren Positionen verharrt, um kurz darauf mit einer seltsam abgehackten Schlängelbewegung ins „Leben“ zurückzufinden.

 Auch bei Coppélius, der für den letzten Schliff seiner Geschöpfe immer mal beherzt den Akkuschrauber ansetzt, taucht dieses Schlängeln auf, das von der Körpermitte auf Schultern, Kopf und Arme überspringt. Mit wirrer Perücke und gichtiger Gestik zeigt Martin Anderson ihn als Comicfigur, die in ihrer differenzieren Bewegungssprache zwischen Puppenreich und Menschenwelt oszilliert.

 Letztere schwebt in der fließenden Harmonie des neoklassischen Balletts über die Bühne. In farblich abgestimmten Kleidern zeigt das Ensemble sich zierlich elegant beim inhaltlich wenig relevanten Stelldichein der Stadtbewohner. Vor allem Momoko Tanaka und Shori Yamamoto (Swanilda und Franz) entwerfen mit Spitzentanz und Pirouetten, mit dynamischen Sprüngen und innigen Posen ein Gegenbild zum trippelnd verrenkten Stakkato der Automaten. In gefühligen Soli und ausdrucksvollen Pas de Deux sind sie strahlende Botschafter des Lebens in dieser unterhaltsamen „Coppélia“- Inszenierung. Ivanenko kann mehr als zufrieden sein.

  Coppélia, Opernhaus, weitere Termine: 13. Nov., 19 Uhr, 24. Nov., 9. Dez., 14.+21. Jan. jew. 19.30 Uhr. Kartentel. 0431-901901, www. theater-kiel.de

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