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Zielsicher zum Eklat

„Der Gott des Gemetzels“ im Werkstatt-Theater Zielsicher zum Eklat

Das Wohnzimmer atmet Ikea-Chic, der üppige Blumenstrauß auf dem Glastisch ist frisch vom Markt. Dem Bouquet wird es am Ende schlecht ergehen, genauso wie den ausgelegten Hochglanz-Kunstbänden, die so unauffällig-auffällig von Bildung und Kultur künden. Denn es wird rund gehen im Hause Weiß während des Besuchs der Höhners, die gekommen sind, um sich über die Schulhof-Prügelei ihrer elfjährigen Söhne zu verständigen.

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Die Lage gerät außer Kontrolle: Szene mit Joachim Wendt, Silke Arens und hinten Jörn Arens.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Das Kieler Werkstatt-Theater hat sich Yasmina Rezas hintersinniger Gesellschaftskomödie Der Gott des Gemetzels angenommen, die von ihren brillanten Dialogen genauso lebt wie von der geschickten Handlungsführung, die zielsicher dem Eklat entgegensteuert. Das lachlustige Premierenpublikum im proppevollen Theater am Wilhelmplatz bedankte sich für diese freundliche Übernahme mit anhaltendem Applaus.

 Mit Gespür für quälende Pausen hat Regisseur Horst Heutmann die Atmosphäre bemühter Höflichkeit zu Beginn des Treffens herausgearbeitet. Mit Händen greifbar ist das Unbehagen von Gastgebern und Gästen, die einander schon äußerlich kaum unähnlicher sein könnten: Die Eheleute Weiß als alternativ angehauchte Gutmenschen, die Höhners mit der Kälte erfolgreicher Geschäftsleute.

 Steifbeinig im Businesskostüm stöckelt Anja Brandtner durch die Wohnlandschaft. Komödiantisches Talent beweist sie, als das Gespräch aus dem Ruder läuft, wenn sie sich in einer plötzlichen Übelkeits-Attacke über die schicken Kunstbände erbricht und später sturzbetrunken ihren aalglatten Ehemann angreift. Im feinen Nadelstreifenzwirn gibt Jörg Arens den ständig telefonierenden Rechtsanwalt als unbeteiligten Zyniker. Bis zum Schluss bleibt er seiner distanzierten Attitüde treu – abgesehen von dem wirklich komischen Moment, als seine Frau sein Handy in der Blumenvase versenkt.

 Alle anderen lassen während der eskalierenden Auseinandersetzung gründlich die Masken fallen: Der anfangs zugewandte Menschenversteher Weiß (Joachim Wendt) packt die Fratze des frustrierten Cholerikers aus, die engagierte Kulturforscherin Alicia (Silke Arens) zeigt sich als desillusionierte Ehefrau mit Mordgedanken. Von großer Spielfreude getragen, nimmt so ein unterhaltsamer Theaterabend seinen Lauf – dem ein paar beherzte Straffungen allerdings sehr gut getan hätten.

  Werkstatt-Theater, nächste Aufführungen am 7. und 9. Oktober (20 Uhr) im Kulturforum.

 

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