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So leise und so weise

Erinnerungen an Yehudi Menuhin im Norden So leise und so weise

Von Konrad Bockemühl

 „Ein stiller, weiser Menschenfreund“ titelten die Kieler Nachrichten im Juli 1991 eine Probenreportage über Yehudi Menuhins Arbeit mit dem Festivalorchester in Salzau. Der agile, kleine Mann, der so unendlich weise und zugleich so sympathisch leise wirkte, wäre heute 100 Jahre alt geworden.

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Yehudi Menuhin 1991 mit Justus Frantz in Salzau.

Quelle: Electrolla

Kiel. . Und wer ihn damals in der Salzauer Orchesterakademie erlebte, hätte ihm das damals durchaus zugetraut. Aber es sollte nicht so kommen: Überraschend starb Yehudi Menuhin am 12. März 1999 während einer Tournee in Berlin.

 Sein Wirken im Norden bleibt unvergessen: So führte er 1991 mit dem damaligen SHMF-Intendanten Justus Frantz und dem Festivalorchester Beethovens fünf Klavierkonzerte im Hamburger Derbypark Klein-Flottbek auf. Genauso weitsichtig wie tiefenentspannt (Yogaübungen taten das Ihre) verriet er am Rande der Salzauer Proben so manches über seine Sicht der Dinge: Etwa die Überzeugung, „Musik braucht nicht immer durch den Kopf zu gehen – das tut sie auch bei vielen Kollegen nicht. Sie zu lieben ist die Hauptsache“. Dass die Musik bei ihm sehr wohl durch den Kopf ging, machte er in der Salzauer Konzertscheune warmherzig nachvollziehbar. Und die Liebe zur Musik gab ihm Kraft: „Ich mache doch kaum etwas allein“, relativierte er, „ich arbeite ja mit Hilfe Beethovens. Und wenn ich dirigiere, gibt mir das Orchester etwas zurück“. Sprach noch von dem Glauben an eine „kolossale überirdische Kraft“, bevor der damals schon 75-Jährige vom Frühstück mit den Gorbatschows tags zuvor in London, dem Konzert am selben Abend in Wien erzählte, und dann von seinen Festivalplänen kommende Woche in Gstaad. Mit seinem tief versöhnlichen Ansatz warf er einen kritischen Blick auf die Weltpolitik. „Politiker“, sinnierte er damals, „verteidigen nur Grenzen, die wir nicht brauchen“ und plädierte so dezent wie beharrlich dafür, „der Menschheit eine Stimme zu geben“.

 Ein Jahr zuvor schon hatte Yehudi Menuhin, der einst als Wunderkind gefeierte Geiger und vielbeachtete Dirigent, als Brahms-Preisträger 1990 das Brahms-Haus in Heide eröffnet. Eingeführt von Justus Frantz: „Es gibt kaum etwas, was Yehudi Menuhin in seinem Leben nicht bewegt hat“. Der genauso bescheidene wie bedeutende Gast lenkte schnell zum Komponisten um: Keine andere Musik, sagte er, habe „diese Qualität der Zartheit und Liebe, diese introvertierte Würde und Zurückhaltung, wie sie für diese Landschaft typisch ist: Die Welt versteht durch Brahms diese Gegend besser“. 1996 setzte Lord Menuhin als Unesco-Botschafter mit Händels „Messias“ in der Ostseehalle und 1998 mit einem Konzert auf Tour mit seiner Sinfonia Varsovia auf Fehmarn letzte Akzente im Norden.

 Heute trägt der britische Stargeiger Daniel Hope auch beim SHMF manche Botschaft seines musikalischen Ziehvaters weiter: „Er konnte einem die Ehrfurcht mit einem Wort nehmen, weil er so bescheiden war“. Justus Frantz mag für viele auch hier im Norden sprechen: „Jeder der mal mit Yehudi Menuhin zu tun hatte, ging ein bisschen verwandelt aus dieser Begegnung hervor“.

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