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Abschied vom Zinn-Willkomm

Landesmuseum restituiert 300 Jahre alten Pokal Abschied vom Zinn-Willkomm

Noch vor nicht allzu langer Zeit war er im Zunftraum von Schloss Gottorf zu bewundern. Gestern verließ der Pokal der Glaserinnung Itzehoe, datiert auf das Jahr 1698, die Schleswiger Schlossinsel. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte restituiert den gut 30 Zentimeter hohen „Zinn-Willkomm“, weil dessen rechtmäßiger Erwerb im Rahmen der Provenienzforschung als nicht zweifelsfrei eingestuft wurde.

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Restauratorin Ann-Christine Henningsen, Rechtsanwalt Henning Kahmann und Direktorin Kirsten Baumann werfen einen letzten Blick auf den Zinn-Pokal, bevor er sicher verpackt die Schlossinsel verlässt.

Quelle: bos: Björn Schaller

Schleswig. Direktorin Kirsten Baumann und Veronika Schmeer, die als Provenienzforscherin die Nachfolge von Carsten Fleischhauer angetreten hat, übergaben das kunsthandwerklich reizvolle Objekt an die rechtmäßigen Erben, vertreten durch deren Anwalt Henning Kahmann.

 „Es geht um den symbolischen Akt“, so die Direktorin, die den finanziellen Wert des „schönen Stückes“ in diesem Zusammenhang als nachrangig einstuft. Seit 2013 arbeitet die Stiftung Schleswig-Holsteinischer Landesmuseen die Herkunft der Sammlungsbestände hinsichtlich ihrer Objektbiografien systematisch auf. In einem ersten Projekt ging es um die Neuerwerbungen in der Zeit von 1933-45, seit 2015 werden die Zugänge nach 1945 untersucht. Von den rund 5000 Neuzugängen aus dem ersten Zeitraum fanden sich bisher nur wenige mit zweifelhafter Herkunft, darunter fünf Gobelins, die bereits restituiert wurden. In zwei anderen Fällen läuft ein Rückführungsverfahren.

 „Das ist ein Vorgang, der in unserem Museum nicht so häufig stattfindet. Eigentlich ein gutes Zeichen“, sagt Kirsten Baumann mit Blick auf die Ankaufstrategie von Ernst Sauermann, der das damalige Thaulow-Museum (auch) in den Jahren 1933 bis 45 führte. Er hatte sich nur „in sehr geringem Maße“ der für den Kunsterwerb bereitgestellten Reichsdevisen bedient, die andernorts vielfach zum Ankauf jener Kunstwerke dienten, die heute als Beutekunst gelten. „Sauermann reiste häufig nach Amsterdam und hatte dort Kontakt zu dem jüdischen Kunsthändler Mozes Mogrobi. 1942 bot dieser ihm den Zinn-Willkomm unaufgefordert zum Verkauf“, schildert Veronika Schmeer die Geschichte des Pokals. Mogrobi lebte ab 1943 im Versteck und wurde nach seiner Entdeckung nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 umkam.

 „Da sein Kunsthandel nach der Besetzung Hollands aufgrund der Nürnberger Rassegesetze in nicht-jüdische Treuhänderschaft übergegangen war, nehmen wir an, dass er als Geschäftsmann nicht mehr frei entscheiden konnte. Im Zweifel gehen wir also von einem Verkauf unter Zwang aus“, so Schmeer. „Nach der Londoner Erklärung der Alliierten von 1943, die alle geschäftlichen Vorgänge durch Deutsche in den besetzten Gebieten für nichtig erklärte, hätte das Objekt bereits unmittelbar nach Kriegsende restituiert werden müssen, so wie es 1947 mit vielen anderen Erwerbungen des Landesmuseums geschehen ist.“ Warum dies damals nicht erfolgte, sei unbekannt. „Es ist dankenswert, dass die Stiftung sich im Zweifel für die Restitution entschieden hat“, betont Rechtsanwalt Kahmann, der andere Institutionen in diesem Zusammenhang als „weniger opfer-freundlich“ erlebt hat. Für Kirsten Baumann ist die Rückgabe eine Selbstverständlichkeit. Im Haus, zu dem auch das Jüdische Museum in Rendsburg gehört, gäbe es zu dieser Frage die klare Grundhaltung einer moralischen Verpflichtung. „Wenn man Provenienzforschung ernst nimmt, muss man diesen Weg korrekt bis zum Ende beschreiten.“

 Gottorf ist neben der Kieler Kunsthalle, dem Museumsberg Flensburg und dem Museum Lübeck eines von vier Häusern in Schleswig-Holstein, das Provenienzforschung betreibt.

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Ein Artikel von
Sabine Tholund

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