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Gespür für jugendliches Innenleben

58. Nordische Filmtage Lübeck Gespür für jugendliches Innenleben

Acht Preise wurden zum Abschluss der 58. Nordischen Filmtage in Lübeck vergeben. Launig moderiert von Yared Dibaba, mit Freestyle-Rap auf Sami und Platt und mit vielen strahlenden Gesichtern. Eins davon war Gudmundur Arnar Gudmundsson, dessen Film "Herzstein" den mit 12500 Euro dotierten NDR Filmpreis erhielt.

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Der schwedische Schauspielerin Inger Nilsson, 1969/70 Darstellerin der Pippi Langstrumpf (li.), und die deutsche Schauspielerin Helene Grass hielten in Lübeck die Laudatio auf den isländischen Siegerfilm „Herzstein“

Quelle: Markus Scholz

Lübeck.. Oft sind es die kleinen Geschichten, in denen sich das Leben am nachhaltigsten abbildet. Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki, ist so eine – von dem jungen Boxer aus der finnischen Provinz, der sein Land 1962 mit einem Sieg gegen World Champion Davey Moore auf die Weltkarte des Sports setzen sollte. Aber der Glamour des Profi-Sports bleibt Mäki fremd - und außerdem hat er gerade die Liebe entdeckt. Regisseur Juho Kuosmanen erzählt die Geschichte darüber, was im Leben wichtig ist, in Schwarzweiß, lakonisch wie in einer Wochenschau, mit leiser Ironie und viel Sympathie für seinen Helden. Der finnische Anwärter für den Auslands-Oscar überzeugte auch bei den 58. Nordischen Filmtagen und erhielt den Preis der Baltischen Jury.

 Gudmundur Arnar Gudmundssons Herzstein erhielt mit dem NDR Filmpreis die höchstdotierte Auszeichnung: „Eigenwillig, ruhig und intensiv“ befand die Jury über die Geschichte vom Erwachsenwerden in Islands Nirgendwo, zwischen Autowracks und Möweneiern, brutalen oder abwesenden Vätern, die der 34-Jährige Regisseur mit großem Gespür für die Innenwelten seiner jugendlichen Protagonisten erzählt. Eine Wahl, die nicht nur den richtigen Film auszeichnet, sondern auch echte Förderung leistet.

 Manchmal sei eine Szene so traurig gewesen, dass er bei den Dreharbeiten habe weinen müssen, erzählt Harald Kaiser Hermann etwas später und ein bisschen verlegen im Theater Lübeck. Auf der Bühne aber hatte der junge Däne mit dem aufmüpfigen Blick, der im Heimdrama Der Tag wird kommen neben Schauspielstars wie Sofie Grabøl (Kommissarin Lund) und Lars Mikkelsen mit großer Intensität eine der beiden jugendlichen Hauptfiguren spielt, nur Grund zu strahlen – er holte stellvertretend für die Crew um Filmemacher Jesper W. Nielsen den mit 5000 Euro dotierten Publikumspreis ab.

 Die jugendlichen Innenwelten setzten klar den Schwerpunkt im Programm der 58. Nordischen Filmtage; aber auch die Erwachsenen auf der Leinwand haben es nicht leicht. In der trostlosen Wohnwagensiedlung am Rande von Stockholm (Drifters) ringen Junkies und Kleinkriminelle mit Sucht und Dealern. In dem sehenswerten litauischen Film Der Heilige hat ein junger Familienvater mit der Plattenbau-Tristesse, der Arbeitslosigkeit, der Liebe und sich selbst zu kämpfen. Noch näher kommt Johan Löfstedt dem wahren Leben in Kleinstadt, der in Lübeck noch vor der schwedischen Premiere nächste Woche in Stockholm seine Uraufführung feierte. Der Schwede („Ich mag es, wenn Geschichten zwischen Realität und Fiktion schwimmen“) erzählt mit und um seine Familie die fiktive Geschichte vom Tod seines Großvaters, von der Trauer und wie das Leben die Menschen wieder zurückgewinnt.

 „Ich freue mich, dass hier so unterschiedliche Filme ausgezeichnet werden“, so gestern Linde Fröhlich, die künstlerische Leiterin des Festivals. „Das spiegelt die Bandbreite des nordischen Filmschaffens und unseres Programms.“ Ein Eindruck, der sich durch Genres und Filmtechnik erweitern lässt – vom Stummfilm-Abend in der Kirche bis zum 3D-Kino: „Das ist wie eine kleine Wanderung durch die Filmgeschichte.“ Über 30000 Besucher ließen sich dazu in viereinhalb Tagen ins Kino locken – der i-Punkt auf den 58. Filmtagen.

 

  Die Lübecker Preisträger:

 NDR Filmpreis (12500 Euro): Herzstein (Island, Regie: Gudmundur Arnar Gudmundsson)

 Publikumspreis (5000 Euro): Der Tag wird kommen (Dänemark, Regie: Jesper W. Nielsen)

 Dokumentarfilmpreis (2500 Euro): Die Überfahrt (Norwegen, Regie: George Kurian)

 Kirchlicher Filmpreis Interfilm (2500 Euro): Rosemari (Norwegen, Regie: Sara Johnsen)

 Preis der Baltischen Jury (undotiert): Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki (Finnland, Regie: Juho Kuosmanen)

 Cinestar Preis (3000 Euro): Pauls Boot (Deutschland, Regie Cyprien Clément-Delmas)

 Kinder- und Jugendfilmpreis (5000 Euro): Ich bin hier (Lettland, Regie: Renars Vimba)

 Preis der Kinderjury (5000 Euro): Gilberts grausame Rache (Norwegen, Regie: Hanne Larsen)

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