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Rossini in fulminanter Ironie

Opernfestival in Pesaro Rossini in fulminanter Ironie

Auch nach 36 Jahren ist das 1980 gegründete Rossini Opera Festival (ROF) so attraktiv wie eh und je und lockt jedes Jahr im August Melomanen aus aller Welt nach Pesaro, den an der Adria gelegenen Geburtsort von Gioachino Rossini.

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Relativ leiser Lärm

Juan Diego Florez (Tenor) in La donna del Lago von Gioacchino Rossini.

Quelle: Rossini Opera Festival

Pesaro. Hier werden seine 39 Opern stets ungekürzt und auf der Grundlage der von der „Fondazione Rossini“ herausgegebenen Partituren aufgeführt, und zwar mit hervorragenden, zum Teil hier in Pesaro ausgebildeten Sängern. Wie in jedem Jahr stehen drei seiner Opern auf dem Programm, die beiden Neuinszenierungen von „La donna del lago“ und „Il Turco in Italia“ und eine Wiederaufnahme von 2012, „Ciro in Babilonia“.

 Die Eröffnung des Festivals hätte gar nicht glamouröser ausfallen können als mit Damiano Michielettos mit Spannung erwarteter Inszenierung der „Donna del lago“. Dieses 1819 für Neapel komponierte, auf einem Gedicht von Sir Walter Scott basierende „Melodramma“ strotzt nur so von außergewöhnlichen Begegnungen, großen Leidenschaften, edler Großmut und romantischem Schauder: Der aufsehenerregenden Schönheit von Elena, des „Fräuleins vom See“, ist selbst der schottische König Giacomo (Jakob V.) erlegen. Er gibt sich als Uberto aus und glaubt ihre Liebe gewonnen zu haben, nicht ahnend, dass sie heimlich Malcolm liebt, obwohl sie von Duglas, ihrem Vater, einem Feind des Königs versprochen ist, dem schrecklichen Bandenführer Rodrigo. Dieser findet den Tod in einer Schlacht mit den Truppen des Königs. Umberto gibt sich am Schluss als König Giacomo zu erkennen, verzeiht dem besiegten Duglas, verzichtet auf Elena, um sie dann mit Malcolm zu vereinen.

 Welchen dieser Männer aber liebt Elena wirklich? Ist es Malcolm oder nicht doch der König? Während der kurzen Orchestereinleitung zeigt Michieletto die alt gewordene Elena mit dem ergrauten Malcolm als frustriertes Paar neben einem großen Porträt des Königs. Sie hängen ihren Erinnerungen nach, die Wände ihres engen Zimmers verschwinden und geben den Blick frei in das Innere eines einst stattlichen Herrenhauses, das jetzt kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch ist. Bei aller Trostlosigkeit von zerbrochenen Fensterscheiben, eingestürzter Decke und wild wachsenden Gräsern neben Sofa, Tisch und Stühlen wirkt das von Paolo Fantin erstellte Bühnenbild irgendwie romantisch und strahlt eine Poesie von ganz spezieller Art aus. Dadurch, dass die alt gewordenen Eheleute wie ein Schatten den Liebenden stets folgen, werden wir daran erinnert, dass dies eine Traumlandschaft ist, deren Ruinen, so möchte man meinen, die Unmöglichkeit großer, absoluter Liebe symbolisieren.

 Eine so selten gespielte Oper wie „La donna del lago“ steht und fällt in hohem Maße mit der Qualität der Sänger. In Pesaro hat man sie, diese Weltklassesänger! Juan Diego Flórez, der vor genau zwanzig Jahren hier seine exorbitante Karriere begann, ist ein Giacomo/Uberto, der durch sein jugendliches, ritterliches Auftreten, seine zart und innig gesungene Cavatine „Oh fiamma soave“ und die mit nachtwandlerischer Sicherheit genau getroffenen Spitzentöne seiner halsbrecherischen Koloraturen das Publikum in der Adriatic Arena zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißt. Der amerikanische Tenor Michael Spyres aber kann als Rodrigo gut mithalten. Michieletto macht aus ihm einen Haudegen und Macho der übelsten Art. Testosterongesteuert bemächtigt er sich seiner Braut mit brutaler Gewalt und verleiht seinem Begehren mit ebenso kernigem wie virtuosem Gesang Ausdruck. Der zarter besaitete Malcolm, eine Hosenrolle par excellence, findet in der Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan eine wundervolle, jugendlichen Charme ausstrahlende Verkörperung. Und die Titelpartie? Sie ist bei der jungen Georgerin Salome Jicia in besten Händen. Fast könnte man glauben, Rossini hätte ihr diese Rolle in ihre geläufige Kehle geschrieben, so mühelos gelingen ihr selbst die schwierigsten Koloraturen und so beeindruckend wird sie der komplexen Gefühlswelt der Elena gerecht.

 Orchester und Chor des Teatro di Bologna werden von dem aus Pesaro gebürtigen Michele Mariotti mit außergewöhnlich sicherem Gespür für mitreißende Effekte und Spannungsbögen durch die Partitur geführt, ohne dass die schmachtende Süße der Musik zu kurz käme. Vor unserem inneren Auge entsteht eine zerklüftete, fragile Seelenlandschaft von großer Faszination. Wenn am Ende der Oper Elena von „tanta felicità“, von so viel Glück singt, dann ist sie wieder mit ihrem schlecht gelaunten Ehemann Malcolm allein – es bleiben nur die schönen Erinnerungen. Tosender Applaus für alle!

 Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass der „Turco in Italia“ nicht so meisterhaft ist wie seine beliebtere Schwester „L'Italiana in Algeri“, die Rossini beide mit nur 21 Jahren komponierte. Der Regisseur Davide Livermore aber hat jetzt in Pesaro die Gleichwertigkeit der beiden Opern unterstrichen, indem er das „Dramma buffo“ mit vitalem, überschäumendem Leben und ungemein pointenreichem Humor auf die Bühne des Teatro Rossini bringt. Zunächst, während der Ouvertüre, ist das alles ein wenig unübersichtlich, da wuseln allerlei seltsame Typen herum und Videos tun das ihre, um zu verwirren. Aber dann wird doch schnell klar, dass Rossinis Dichter Prosdocimo hier zum Filmregisseur mutiert und durch seine Anweisungen allmählich Ordnung in das bunte Treiben eines ebenfalls anwesenden Zirkuspersonals bringt. Was für ein fröhliches Chaos!

 In diesem geradezu klassischen Commedia-dell'arte-Stück geht es um die kokette Fiorilla, die ihres viel älteren Ehemanns Geronio überdrüssig geworden ist und Liebesabenteuer mit einem soeben in Italien gelandeten Türken sucht, dem Prinzen Selim. Dieser aber verliebt sich plötzlich in seine alte Liebe, die Zigeunerin Zaida. Beide Frauen streiten sich heftig um den türkischen Prinzen, und nach allerlei komischem Durcheinander kehrt Fiorilla reumütig zu Geronio zurück.

 Olga Peretyatko, die in den letzten zehn Jahren immer wieder in Pesaro aufgetreten ist, überzeugt als kesse Fiorilla, der man sogar den plötzlichen Wandel zu Ernst und Reue abnimmt. Neben ihr glänzt der Bariton Nicola Alaimo als leicht seniler Geronio, der wie ein dressiertes Äffchen nach ihrer Pfeife tanzt, ihre wütend weggeworfenen Schuhe zurückholt und sich von ihr als Aschenbecher benutzen lässt. Selten hat Rossini die Laster, Ticks und Schwächen der Menschen so genau unter der Lupe der Ironie vergrößert, um sie dann mit Humor verständlich und sogar verzeihlich zu machen – in seinem „Turco“ ist ihm das auf anrührende Weise gelungen. Erwin Schrott ist ein vor Männlichkeit nur so strotzender Selim, der mit seinem beweglichen, klangschönen Bassbariton die vertracktesten Koloraturen mühelos bewältigt und auch umwerfend komisch agieren kann. Dass Zaida, die alte Liebe des Selim, aussieht wie Conchita Wurst, also einen schwarzen Bart trägt, ist ein köstlicher Gag der Regie – beim Streit der beiden Frauen um die Liebe des Türken wird so die Komik in der Musik auch visuell ins Absurde gesteigert.

 Nach anfänglichen leichten Unsicherheiten gelingt Speranza Scappucci ein vor Geist und Humor sprühendes Dirigat, das das Publikum über drei Stunden bei Proseccolaune hält. Mit erfrischendem Enthusiasmus führt sie durch die Partitur und schlägt immer neue Funken aus der brillant spielenden Filarmonica Gioachino Rossini. Und wenn die Oper kurz vor Mitternacht zu Ende ist, tut ein kühler Weißwein oder eben auch Prosecco gut, bei immer noch 26 Grad! Viva Rossini!

  www.rossinioperafestival.it

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