15 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Begrenzte Bewegungsfreiheit

Strom & Wasser Begrenzte Bewegungsfreiheit

Es sind ehrliche Worte, die Karin Helmer in ihrer kleinen Rede findet, wenn die Geschäftsführerin der Evangelischen Stadtmission Kiel in der Pumpe Sinn und Zweck der Veranstaltung mit Heinz Ratz’ Band "Strom & Wasser featuring The Refugees" erläutert.

Voriger Artikel
Gattungsbrüche als Kunstform
Nächster Artikel
"Amerikanisches Idyll" mit Ewan McGregor eröffnet Filmfest

Umwerfende Soul-Röhre: Jamila von der Elfenbeinküste.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Sie habe sich ernste Sorgen gemacht, sagt Karin Helmer, ob denn überhaupt jemand kommen und ein Projekt von und für Flüchtlinge unterstützen werde: die Errichtung eines eigenen soziokulturellen Zentrums und eines Wohnhauses für geflüchtete Frauen. Schließlich ist die öffentliche Meinung in der sogenannten Flüchtlingskrise in letzter Zeit doch spürbar abgekühlt.

 Einige Zuschauer sind dann doch erschienen. Sie sorgen in der Pumpe über zwei Stunden lang für eine angenehm entspannte Atmosphäre, tanzen und spenden Applaus. Auf der Bühne präsentiert Heinz Ratz, privater und musikalischer Weltenbummler und Wahlkieler, mit seiner Band Strom & Wasser Älteres und Brandneues aus einer reichhaltigen Diskografie, die sich selbst in das Genre „Skapunkpolka-Randfiguren-WalzerRock mit stark kabarettistischer Schlagseite“ einsortiert sehen möchte. Stimmt auch irgendwie; mit rauer Stimme und galliger Liedermacher-Attitüde verkündet Ratz seine vorwiegend pessimistischen Ansichten zum derzeitigen Zustand der Gesellschaft. Das wirkt manchmal ein wenig überspannt und floskelhaft, und man wünscht sich insgeheim, dass Ratz‘ Redezeit doch lieber den angereisten musikalischen Gästen zur Verfügung gestellt würde. Als „The Refugees“ (die Flüchtlinge) angekündigt, werden nacheinander drei Musiker auf die Bühne gebeten, die das Publikum durchwegs zu begeistern wissen. Ratz kündigt sie lediglich mit Vornamen und Herkunftsland sowie ihrem derzeitigen Wohnsitz an. Da ist zunächst Jamila von der Elfenbeinküste bzw. aus Hamburg, die mit einer wahrhaft umwerfenden Soul-Röhre gesegnet ist. Ihr Landsmann Jacques, wohnhaft in Oldenburg, holt mithilfe seiner Djembe und den Afrobeat an die Kieler Förde. Abbas aus Ghana schließlich, laut Ratz seit nunmehr zwei Jahren in der bürokratischen Warteschleife der Statusklärung gefangen, rappt energisch gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder.

 Das alles ist schön, gut und mitreißend, und dennoch offenbart sich genau hier ein grundlegendes Dilemma. Die Gastmusiker vom afrikanischen Kontinent werden von Ratz genauso angekündigt und präsentiert: als Gäste nämlich, als gute Freunde. Auftritt, Applaus, Abgang. Eine wirkliche Integration in die Band findet nicht statt. Aber wie sollte das auch funktionieren angesichts von Residenzpflicht und eingeschränkter Bewegungsfreiheit? Vielleicht könnte es ja in diesem Punkt ein wenig Abhilfe schaffen, das geplante kulturelle Zentrum. Wünschenswert und eine Bereicherung für das Kieler Kulturleben wäre es allemal.

Von Jens Raschke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3