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25 600 dopen sich für den Job

Schleswig-Holstein 25 600 dopen sich für den Job

Der Alltag wird immer stressiger, der Leistungsdruck steigt. Das zeigt sich jetzt auch in den Ergebnissen des aktuellen DAK-Gesundheitsreports von 2015. Demnach greifen rund 25 600 Schleswig-Holsteiner regelmäßig zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, um leistungsfähiger in ihrem Beruf zu sein.

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Für mehr Leistungsfähigkeit im Job greifen 25.600 Schleswig-Holsteiner regelmäßig zu verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Quelle: Federico Gambarini/ dpa

Kiel. Die Studie zeigt auch die Entwicklung der Fehlzeiten bei den psychischen Erkrankungen. Sie nahmen im vergangenen Jahr deutlich zu – um 22 Prozent. Seelenleiden waren damit erneut die zweithäufigste Ursache für Fehltage in Schleswig-Holstein. Insgesamt blieb der Krankenstand im nördlichsten Bundesland gegenüber dem Vorjahr unverändert. Er lag 2014 mit 3,9 Prozent genau auf dem Bundesdurchschnitt.

Für die repräsentative Studie wertete das IGES Institut die Fehlzeiten aller erwerbstätigen DAK-Mitglieder in Schleswig-Holstein aus. Es wurden zudem Arzneimitteldaten der Kasse analysiert und bundesweit mehr als 5 000 Beschäftigte im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt. Demnach haben sich sieben Prozent der Berufstätigen in Schleswig-Holstein und den angrenzenden Bundesländern schon einmal gedopt – mit Dunkelziffer sogar bis zu 12,5 Prozent. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen in Schleswig-Holstein sind das rund 168 000 Menschen, die schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen haben. Derzeit betreiben bis zu 25.600 Erwerbstätige in Schleswig-Holstein regelmäßig und gezielt Hirndoping. „Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal“, warnt Regina Schulz, Landeschefin der DAK-Gesundheit in Schleswig-Holstein. „Nebenwirkungen und Suchtgefahr sind nicht zu unterschätzen. Deshalb müssen wir auch beim Thema Gesundheit vorausschauen und über unsere Wertvorstellungen und Lebensstilfragen diskutieren.“

Für das Doping am Arbeitsplatz werden häufig Betablocker und Antidepressiva eingesetzt, aber auch Wachmacher und ADHS-Pillen – Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten verschrieben werden. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl der DAK-Versicherten, die von ihrem Arzt Ritalin erhalten haben von 2011 bis 2013 um 143 Prozent an. Für jedes zehnte Ritalin-Rezept, das DAK-Versicherte bekamen, konnte die Kasse in den Behandlungsdaten keine Hinweise auf ADHS finden. Auffällig auch das Medikament Modafinil: Gedacht ist es zur Behandlung der seltenen Schlafkrankheit: Die Verordnungsraten gingen hier um 166 Prozent hoch, aber die Rezepte blieben zur Hälfte (53,8 Prozent) ohne nachvollziehbare Diagnose. „Die Ergebnisse unseres Reports zeigen, dass es eine deutliche Grauzone bei den Verordnungen gibt. Wir vermuten, dass aus dieser Grauzone ein Teil der zur Leistungssteigerung missbrauchten Medikamente stammt“, sagt Schulz.

Auslöser für den Griff zur Pille sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Männer greifen eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen nehmen häufiger stimmungsaufhellende Medikamente ein. Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Führungskräfte oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollen. Der DAK-Report zeigt, dass vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs gefährdet sind. Auch Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz haben ein erhöhtes Doping-Risiko. „Hirndoping ist mittlerweile bei ‚Otto Normalverbraucher‘ angekommen, um den Arbeitsalltag besser zu meistern. Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, so Schulz.

Der DAK-Gesundheitsreport untersucht auch den Krankenstand in Schleswig-Holstein. Er blieb gegenüber dem Vorjahr unverändert und lag 2014 bei 3,9 Prozent. Das heißt, von 1.000 erwerbstätigen Arbeitnehmern in Schleswig-Holstein waren im vergangenen Jahr pro Tag im Schnitt 39 krankgeschrieben. Ein Beschäftigter fehlte an durchschnittlich 14,2 Tagen im Job. Für mehr als ein Fünftel dieser Ausfalltage (22,9 Prozent) waren Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems verantwortlich, beispielsweise Rückenschmerzen. An zweiter Stelle kamen psychische Erkrankungen mit 19,2 Prozent. Allein die Fehltage aufgrund von Depressionen nahmen im vergangenen Jahr um ein Drittel zu. Insgesamt sind die Ausfalltage aufgrund von Seelenleiden in Schleswig-Holstein seit dem Jahr 2000 um 131 Prozent gestiegen. Die Branchen mit dem höchsten Krankenstand waren 2014 „Verkehr, Lagerei und Kurierdienste“ mit 4,7 Prozent sowie das Gesundheitswesen mit 4,6 Prozent. Den niedrigsten Krankenstand hatten Banken und Versicherungen mit 3,1 Prozent.

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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