15 ° / 11 ° Regen

Navigation:
60-Minuten-Stunde macht Schule

Unterrichtszeit 60-Minuten-Stunde macht Schule

Nach 45 Minuten ertönt in den allermeisten Schulen die Pausenglocke. Das ist schon seit rund 100 Jahren so. Doch manche Schulen sind dazu übergegangen, der Schulstunde eine andere Länge zu verpassen - auch in Kiel.

Voriger Artikel
Polizeinachwuchs bereitet Probleme
Nächster Artikel
Gedenkfeier für Opfer des Horror-Unfalls von Eppendorf

Sie haben sich auf die 60-Minuten-Schulstunde umgestellt: Sven-Simon, Lea und Timm aus der 4b der Gorch-Fock-Schule.

Quelle: Foto Göder

Kiel. So hat beispielsweise die Kieler Gorch-Fock-Grundschule im Sommer vorigen Jahres den 60-Minuten-Takt eingeführt. Andere Schulen wie die Kieler Hebbelschule und die Max-Planck-Schule machen sich nun Gedanken, ob sie dies Modell übernehmen sollen.

 „Ein wichtiger Vorteil der längeren Unterrichtseinheiten ist, dass sich der Wechselstress verringert“, erläutert Helmut Siegmon, Leiter der Kieler Hebbelschule. Unter „Wechselstress“ versteht der Vorsitzende des Philologenverbandes Schleswig-Holstein die Belastung, die dadurch entsteht, dass Schüler den Raum wechseln, andere Materialien hervorholen und sich auf den neuen Lehrer und Unterricht einstellen. Außerdem könne man in 60 Minuten ein Thema mithilfe von vermehrten Übungseinheiten besser vertiefen. Weniger Schulstunden pro Tag – das bedeute auch leichtere Ranzen und weniger Hausaufgaben für die G8-geplagten Schüler. Doch Siegmon sieht auch Schwierigkeiten: „Dadurch, dass es an einem Tag nur noch weniger Fächer gibt, kommt es im Laufe der Woche zu weniger Wiederholungseinheiten. Besonders Sprachlehrer halten dies für problematisch.“

 Das Marion-Dönhoff- Gymnasium in Mölln, das vor drei Jahren die 60-Minuten-Schulstunde eingeführt hat, setzt vermehrt auf Hausaufgabenpläne, die sich über die ganze Woche erstrecken, um diesen Nachteil auszugleichen. Insgesamt 79 Prozent der Schüler, Eltern und Lehrer haben sich nach einer einjährigen Probephase dafür ausgesprochen, die Weichenstellung beizubehalten. Und dennoch schimmern die Nachteile durch das Umfrageergebnis. Erhofft hatten sich die Befürworter, dass die Unterrichtsatmosphäre entspannter würde. Doch insgesamt 39 Prozent konnten dies nach der Probezeit nicht uneingeschränkt bestätigen. Gefragt wurde auch, ob der Unterricht abwechslungsreich genug sei. Doch 36 Prozent verneinten das. Wenn die Schulstunde 60 Minuten beträgt, muss sich auch der Unterrichtsstil ändern, damit sich die Schüler länger konzentrieren können. „Es gibt bei uns inzwischen mehr Werkstattarbeit“, sagt die Schulelternbeiratsvorsitzende des Möllner Gymnasiums, Susanne Lautz. Das heiße mehr Still-, Partner- und Gruppenarbeit. „Die Lehrer stellen sich um, das ist ein Prozess.“ Und wie ist die Meinung von Schülern? Die Pennäler der Kieler Max-Planck-Schule sind gespalten: „Bei unseren Gesprächen hat sich gezeigt, dass die Unterstufe 45 Minuten bevorzugt, die Mittelstufe 60 Minuten und die Oberstufe Doppelstunden, also 90 Minuten“, sagt Thore von Knebel von der Schülervertretung.

 Die Kieler Käthe-Kollwitz-Schule hat sich mit der Einführung von G8 dazu entschieden, – bis auf einige wenige Ausnahmen – in Doppelstunden zu unterrichten. Aus lernpsychologischer Sicht hat jedes Modell seine Stärken und Schwächen: „Kürzere Einheiten können dazu führen, dass der nächste Stoff zu schnell auf den vorangehenden folgt. Das kann die Gedächtnisleistung hemmen“, sagt Wolfgang Finck, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Kiel im Bereich „Erziehung und Bildung“. Wenn andererseits die Umstellung auf 60 oder 90 Minuten es mit sich bringe, dass ein Fach in der Woche seltener vorkomme, so setze der Vergessenseffekt schneller ein. Denn für das Lernen sei die stetige Wiederholung wichtig.

 Lehrer, Schüler und Eltern der Hebbelschule werden nun Vor- und Nachteile abwägen. Einen festen Termin für das Vorgehen gibt es noch nicht. Es werde schließlich eine Abstimmung unter den Lehrern geben, und die Schulkonferenz wird zuletzt die Entscheidung fällen, ob die Schulglocke nach 60 Minuten zur Pause klingeln soll, sagt der Schulleiter.

Voriger Artikel
Nächster Artikel