16 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Gaffer-Ärger: Konsequenzen gefordert

Nach Unfall in Kiel Gaffer-Ärger: Konsequenzen gefordert

Schluss mit dem Voyeurismus am Unfallort: Landespolitiker und Opferschützer fordern ein härteres Vorgehen gegen Gaffer, die die Arbeit von Rettungsdiensten stören und ungeniert Film- und Fotoaufnahmen mit Smartphones machen. Das Verhalten von Schaulustigen bei einem Unfall in Kiel-Gaarden hat die Debatte neu entfacht.

Voriger Artikel
Klageflut ebbt seit 2012 ab
Nächster Artikel
Anschub von ganz oben

Mit diesen mobilen Sichtschutzwänden will Nordrhein-Westfalen Gaffer fernhalten.

Quelle: dpa

Kiel. Vergangene Woche prallten dort zwei Autos zusammen, vier Personen wurden teils schwer verletzt. „Bis zu 150 Schaulustige hatten sich binnen kurzer Zeit am Unfallort versammelt, fotografierten, filmten und behinderten dabei die Rettungskräfte“, sagt Matthias Ahrends von der Polizeidirektion Kiel. Er spricht von einer „Massendynamik, die wir so noch nie erlebt haben“. Polizeiintern soll das Gaffer-Problem nun diskutiert und künftige Reaktionen erörtert werden. Die rechtlichen Möglichkeiten aber sind begrenzt: „Wir können Platzverweise erteilen und gegebenenfalls androhen, die Personen in Gewahrsam zu nehmen“, so Ahrends. Denn Gaffen ist keine Straftat, sondern allenfalls eine Ordnungswidrigkeit.

 „Ich war bestürzt, als ich von dem Vorfall in Kiel erfuhr“, sagt SPD-Verkehrsexperte Kai Vogel und beklagt mangelnden Respekt. „Jeder Gaffer sollte sich überlegen, was er sich selbst als Unfallopfer in einer solchen Situation wünschen würde, und entsprechend handeln“, so Vogel. Härtere Strafen oder Gesetze würden das Problem nicht lösen. Der „erschreckende Vorfall“ sei „ nicht hinnehmbar“, sagt Ekkehard Klug (FDP) und drängt darauf, die Präventionsarbeit zu stärken. CDU-Verkehrsexperte Hans-Jörn Arp geht das nicht weit genug: „Gafferei bei Unfällen war schon immer ein Problem, seitdem aber auch Filme und Fotos gemacht und über das Internet verbreitet werden, besteht wirklich Handlungsbedarf“, sagt Arp und fordert härtere Sanktionen. „Wer die Rettungskräfte durch sein Gaffen an der Arbeit hindert, sollte selbst Sozialstunden in diesem Bereich leisten müssen.“ Das Hochladen von Videos von Verletzten im Internet könnte überdies mit Punkten in der Flensburger Verkehrssünderkartei geahndet werden.

 „Alles, was Gaffen verhindert, ist uns als Mittel recht“, sagt Ralf Schwertfeger vom Landesverband der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Hier seien Gesetzgeber und Polizei gefordert, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) befürwortet grundsätzlich schärfere Sanktionen, zweifelt aber an der Umsetzbarkeit: „Ehe man Gaffer bestrafen kann, muss man ihrer erst habhaft werden“, sagt Thomas Gründemann vom GdP-Landesvorstand. Im Einsatz seien die Beamten aber primär damit beschäftigt, Verletzten zu helfen und den Unfallort zu sichern.

 Deutlich effektiver könnte laut GdP das Aufstellen von Sichtschutzzäunen sein. Ein Mittel, das Nordrhein-Westfalens ab sofort einsetzt, um Gaffer vom Unfallort fernzuhalten. Auch CDU, Piratenpartei und Grüne im Norden loben das Modell als „gute Möglichkeit, das Problem zu verringern“, so Grünen-Verkehrsexperte Andreas Tietze.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Schleswig-Holstein
Foto: Durch Handy-Aufnahmen werden viele Einsätze behindert.

150 Gaffer haben vergangene Woche den Einsatz von Polizei und Rettungsdiensten im Kieler Stadtteil Gaarden behindert. Ein Phänomen, mit dem die Polizei in der Landeshauptstadt bislang in dieser Form nicht konfrontiert wurde, das landesweit aber kein Einzelfall ist.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr