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Die Tricks des Heiratsschwindlers Rolf R.

Amtsgericht Rendsburg Die Tricks des Heiratsschwindlers Rolf R.

Er mimte den einsamen Witwer, spiegelte seiner Internet-Bekanntschaft Heiratsabsichten vor, erschlich sich erst ihr Vertrauen und dann ihr Geld – 6650 Euro. Jetzt wurde ein notorischer Heiratsschwindler aus Niedersachsen wegen Betrugs und Unterschlagung in zehn Fällen vom Rendsburger Amtsgericht zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

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Rendsburg. Der einschlägig vorbestrafte Rolf R. (71) war zum zweiten Mal nicht vor Gericht erschienen. Angeblich hielt er sich schwer erkrankt in einer Klinik auf. Schon beim ersten Prozessanlauf vor acht Wochen fehlte der Mann unentschuldigt. Diesmal verurteilte ihn Richter Jörg Napirata in Abwesenheit per Strafbefehl. R., dessen letzte Haftverbüßung im September 2012 endete, steht jetzt drei Jahre lang unter Bewährung.

 Sabine M. (Name geändert) fällt ein Stein vom Herzen. „Mit großer Angst“ sah die attraktive Mittfünfzigerin einer Konfrontation mit dem unscheinbaren grauhaarigen Vollbartträger entgegen, der vor anderthalb Jahren ihr Leben auf den Kopf stellte. Die Bürokauffrau lebte allein mit Hund und Katze, war nach dem Auszug ihrer erwachsenen Tochter offen für eine neue Beziehung. Im Internet suchte sie Kontakt zu möglichen Partnern, die ihr Interesse für Kultur und Reisen teilten. Da meldete sich Rolf R., angeblich Akademiker. Als Physiker, erzählte er, stelle er Berechnungen für militärische Raketensysteme an. Eine Materie, zu der die Sekretärin keinen Zugang hatte. „Man lässt sich dann beeindrucken.“ Früheren Opfern soll R. sich als Anti-Terror-Agent vorgestellt haben. „Nichts an ihm war normal“, sagt Sabine M. „Seine Frau soll bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sein.“

 Im Rückblick glaubt die 54-Jährige, die von einer Betreuerin des Weißen Rings zum Gericht begleitet wird, dass R. seine krankhafte Eifersucht nur vorspiegelte, um sie seiner Gefühle zu versichern. Er versuchte, alle Lebensbereiche zu kontrollieren, ihre Kontakte zu Freunden und zur Tochter einzuschränken: „Du bist mit mir zusammen, nicht mit deinem Kind!“

 „Er konnte auch sehr charmant und liebevoll sein“, erzählte Sabine M.. „Und er bot seine Hilfe an.“ So wollte Rolf R. unbedingt mitkommen, als sie ihren sterbenden Vater besuchte. Der pflegebedürftige Krebskranke bereitete sich in ärztlicher Begleitung auf den Umzug ins Hospiz vor, drückte zu Hause der Tochter einen Umschlag mit 3500 Euro für Bestattungskosten in die Hand. „Bei mir ist es sicherer“, sagte R. und nahm das Geld an sich.

 Dann wechselte der neue Lebensgefährte plötzlich die Stimmungen, wurde laut und aggressiv, schrie sie an. „Im Nachhinein wundere ich mich, was ich mir alles gefallen ließ“, sagt die Zeugin. Nachdem er sie als „blöde Kuh“ beschimpft hatte, setzte sie ihn vor die Tür. Und wunderte sich, dass R. so bereitwillig auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben verschwand.

 „Da stimmt was nicht“, befand Sabine M. und kontrollierte ihre Kontoauszüge, die sie wegen des ganzen Stresses lange nicht eingesehen haben will. 3150 Euro waren abgehoben, R. hatte sich offenbar unbemerkt die nötigen Bankdaten verschafft. Die tief enttäuschte Geschädigte reagierte sofort mit einer Strafanzeige, doch bald wuchsen die Scham vor dem Freundeskreis und die Angst vor dem auch wegen Körperverletzung vorbestraften Täter.

 Heute lebt Sabine M. in einer anderen Stadt. „Noch zurückgezogener als vorher“, sagt sie. Und misstrauischer. Adresse und Telefonnummer hält sie streng geheim. Das Internet als Kontaktbörse ist für sie tabu. Ihr Rechtsanwalt versucht, den finanziellen Verlust einzuklagen. Nach seinen Recherchen nahm Rolf R. schon in den 90er- Jahren weibliche Opfer aus.

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