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A 7 im Norden wird Privatsache

Schleswig-Holstein A 7 im Norden wird Privatsache

59 Kilometer Autobahn zwischen Hamburg und Neumünster wechseln für die kommenden 30 Jahre den Betreiber. Das hat Folgen: Die staatliche Autobahn- und Straßenmeisterei Quickborn ist nur noch wenige Tage für Pflege und Wartung der Fahrbahnen zuständig. Am 1. Mai um Mitternacht übernimmt mit der Via Solutions Nord ein privater Unternehmer. Und der steht unter Beobachtung.

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Straßenwärter Uwe Hoffmann (56) arbeitet seit 1981 in Quickborn. Der Verkehr auf der Autobahn hat sich seither vervielfacht, das Arbeitspensum stieg stetig. In einer Woche ist Schluss: Hoffmann und seine Kollegen haben dann nur noch Bundes-, Landes- und Kreisstraßen zu betreuen.

Quelle: Frank Peter

Quickborn. Die Öffentlich-Private Partnerschaft (ÖPP) macht es möglich: Noch bevor der künftige private Betreiber der Autobahn7 zwischen Hamburg und Bordesholm die knapp 60 Kilometer lange Strecke bis 2018 auf sechs Fahrspuren ausgebaut hat, übernimmt er schon die Aufgaben der Straßenmeisterei. Die Via Solutions Nord ist ab dem kommenden Freitag für Ölspuren, Reinigung, Beseitigung von Unfallschäden, Grünschnitt, Beschilderung und den Winterdienst zuständig – im 24-Stunden-Bereitschaftsdienst. Dafür will das Konsortium eine neue Autobahnmeisterei an der Abfahrt Kaltenkirchen bauen und hat bereits Personal eingestellt.

 Erst vor wenigen Tagen wurde die Baustelle für die neue 10000 Quadratmeter große Meisterei eingerichtet, bestätigt Peter Caspar Hamel, Sprecher von Via Solutions Nord. Für die kommenden Monate habe sich die Firma auf dem Gelände eines nahegelegenen Entsorgungsunternehmens eingemietet. Alle nötigen Fahrzeuge seien beschafft und auch der Personalstamm sei mittlerweile komplett. 16 neue Straßenwärter, ein Autobahnmeister und ein Betriebsleiter hätten ihre Verträge bei Via Solutions vor Wochen unterzeichnet und wurden in der Zwischenzeit geschult. In ganz Deutschland hatte das Unternehmen mit Zeitungsanzeigen um Mitarbeiter geworben. Im November soll die neue Autobahnmeisterei gegenüber des Dodenhof-Möbelhauses fertig sein. Denn: Den Winterdienst für die Autobahn will der neue Betreiber mit eigenem Salzlager schon von seinem neuen Standort aus organisieren. „Die dazu notwendigen Gebäudeteile sowie das zu bauende Salzlager werden als erste Anlagen fertig gestellt werden“, verspricht Peter Caspar Hamel, Sprecher der Via Solutions Nord.

 Unterdessen nehmen die Mitarbeiter der staatlichen Autobahn- und Straßenmeisterei Quickborn Abschied von ihrer Autobahn. Seit Jahrzehnten sind die derzeit 22 Beschäftigen für die Strecke zuständig. Jetzt ziehen sie sich auf Bundes- und Landesstraßen zurück, bekommen neue Streckenabschnitte zur Wartung und Pflege von umliegenden Meistereien hinzu. Ein Novum: Das Wort „Autobahn“ wird aus dem Namen des Standorts in Quickborn gestrichen. Nur einen großen Lkw und ein paar sehr breite Aufsätze für Schneepflüge werden die Männer aus Quickborn an ihre Kollegen im Norden des Landes abgeben. Das meiste Material, das in den großen Hallen lagert, könne weiter genutzt werden. Entlassungen gibt es nicht, sagt Dirk Putzer, Leiter der Autobahn- und Straßenmeisterei. Stattdessen werde Personal in den kommenden Jahren über Ruhestandsregelungen abgebaut. Putzer ist zuversichtlich: Durch den geplanten Bau der Autobahn 20 könne es sein, dass künftig wieder mehr Leute bei den staatlichen Straßenmeistereien im südlichen Schleswig-Holstein gebraucht werden.

 Überraschend kommt diese Entwicklung nicht, sagt Putzer. Schon Ende der 1990er-Jahre gab es im Bundesverkehrsministerium erste Pläne, den Betrieb von Autobahnabschnitten zu privatisieren. „Damals stand die A7 schon mit auf der Liste“, erinnert sich der Chef der größten Straßenmeisterei des Landes.

 Während Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kräftig für die ÖPP-Projekte trommelt, kommt im Norden vor allem von der Piratenpartei Kritik an dieser Art der Straßenbaufinanzierung: „Dass die A7 streckenweise privat betrieben und ausgebaut wird, dürfte uns Steuerzahler letztlich teuer zu stehen kommen, weil private Konzerne mitverdienen wollen und höhere Kreditkosten haben“, vermutet der Landtagsabgeordnete Patrick Breyer. Das Geld fehle dann für andere Sanierungsprojekte. „ÖPP bedeutet auch weniger demokratische Kontrolle und öffentliche Transparenz, weil unsere Straßen plötzlich zum Geschäftsgeheimnis werden.“ Auch Rainer Kersten, Geschäftsführer beim Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein, ist skeptisch, will dem Projekt jedoch eine Chance geben. „Jetzt müssen wir abwarten, ob die Qualität beim Betrieb der Straße stimmt.“ Sinnvoll wäre jedoch eine große staatliche Infrastrukturgesellschaft auf Bundesebene, so Kersten. Diese könne helfen, Reibungsverluste bei der Abstimmung zwischen Bund und Ländern zu reduzieren.

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Ein Artikel von
Paul Wagner
Redaktion Lokales Kiel/SH

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Foto: Verlässt die A7: Dirk Putzer, Leiter der Autobahnmeisterei Quickborn.

Zeitenwende auf dem Asphalt und Start eines Pilotprojekts im Norden: Zum ersten Mal wird in Schleswig-Holstein das Teilstück einer Autobahn in private Hände gegeben. Die Bau- und Betreibergesellschaft Via Solutions Nord übernimmt in der Nacht zum 1. Mai den Betrieb von 59 Kilometern der A7 und schickt eigene Straßenwärter auf die Piste. Die vertrauten Männer in Orange der landeseigenen Autobahnmeisterei ziehen sich damit zurück.

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