18 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Plötzlich war der Vater wieder da

DRK-Suchdienst Plötzlich war der Vater wieder da

Familien zusammenbringen, die durch Krieg, Konflikte oder Katastrophen auseinandergerissen wurden – das versucht der DRK-Suchdienst seit April 1945. Bei der Familie von Manfred Künkel (76) aus Trappenkamp hat das geklappt.

Voriger Artikel
Kakaorösterei in Hamburg geht in Flammen auf
Nächster Artikel
20-Jähriger legt Geständnis ab

Manfred Künkel (76) zeigt Fotos der inzwischen verstorbenen Eltern: Sie hatten sich nach dem Krieg über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes wiedergefunden. Dazu hatte das DRK von seinem Vater wie von Millionen anderen Verschollenen eine Karteikarte (re.) angelegt.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Trappenkamp. Manfred Künkel stellt ein Foto auf den Tisch in seinem Einfamilienhaus in Trappenkamp – eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus den 1950ern. Sie zeigt einen Mann, gut genährt und sichtlich zufrieden. „Das war mein Vater. Dieses Foto hätte ich ohne den Suchdienst nie machen können“, sagt der 76-Jährige.

 Als Kind, erinnert sich Künkel, kennt er seinen Vater nur als Soldaten der Luftwaffe, der selten zuhause ist. 1943 wird Manfred mit Mutter und Geschwistern nach Landsberg an der Warthe evakuiert. Zweimal besucht der Vater sie dort. Jedes Mal kommt mit entsprechendem Abstand ein Geschwisterchen zur Welt. Zwei Kinder sterben, ein weiteres ist schwer krank. „Ich musste mehr und mehr den Vater ersetzen. In die Schule musste ich ja nicht“, sagt Künkel. Die Schule war zum Lazarett geworden.

 „Im Januar 45 marschierten die Russen ein. Eine disziplinierte Truppe. Drei Monate später übergaben sie den Ort an die polnische Miliz, und es wurde immer schwieriger, Essen zu bekommen. Ich habe mit einer Kinderbande verlassene Häuser aufgebrochen und nach Eingemachtem gesucht. Einmal haben wir sogar ein Pferd getötet, damit wir etwas nach Hause bringen konnten.“ Als der Krieg zu Ende ist, bleiben Mutter und Kinder in Landsberg. Vom Vater hören sie nichts mehr. Das letzte Lebenszeichen kommt aus Frankreich.

 Großes Glück bei der Flucht

 Ende 1945 steht eines Nachts ein polnischer Offizier vor der Tür. „Er gab uns eine Stunde zum Packen. Wir dürften nur mitnehmen, was wir tragen konnten. Meine Mutter hat so viel wie möglich in Bettbezüge gestopft. Die haben wir bei Eiseskälte zum Bahnhof geschleppt. Doch bevor wir in den Güterzug getrieben wurden, wurde uns alles wieder abgenommen. Meine Mutter durfte nur eine Einkaufstasche behalten. Da waren ein Kochtopf aus Aluminium drin, eine Tüte Graupen und Hustensaft für meinen kranken Bruder.“

 Irgendwann hält der Zug an einem Güterbahnhof. Der siebenjährigen Manfred wird mit dem Topf losgeschickt. Er soll heißes Wasser besorgen. Der Junge irrt über das Bahnhofsgelände und fängt in seiner Not das heiße Wasser aus der Dampflok auf. Dabei wird er erwischt: Ein Bahnbediensteter befragt ihn, geht dann mit, holt die Mutter und Geschwister aus dem Zug und bringt sie in ein Bahnwärterhaus. Winzig, aber mit Bollerofen. Die Graupen werden gekocht, die Familie kann im Warmen übernachten. Als es am nächsten Morgen zurück in den Zug geht, werden am Bahnsteig Leichen gestapelt: Viele in dem Zug sind in dieser Nacht erfroren.

 Zurück in Berlin

 Irgendwann Anfang Januar 1946 kommt die Familie am Berliner Anhalterbahnhof an. In dem Chaos aus Schutt und herumziehenden Menschen gelingt es irgendwann, eine Verwandte zu finden, die sie aufnimmt. In der kleinen Wohnung fehlt seit einem Bombenangriff eine Wand. Vor das Loch wird Wäscheleine gespannt, damit die Kinder nicht hinunterstürzen. Draußen sind Haustüren und Mauern übersät sind mit Kreideaufschriften. Fotos und handgeschriebenen Zetteln: Nachrichten an die, die – hoffentlich – noch leben und ihre Angehörigen suchen. Vom Vater gibt es noch immer kein Lebenszeichen.

 Eines Tages hört Manfreds Mutter, dass man beim Deutschen Roten Kreuz einen Suchantrag stellen kann. Das macht sie. Eine DRK-Helferin nimmt den Antrag auf, kann aber nur wenig Hoffnung machen – die Angaben sind zu dürftig. „Wir Kinder waren es gewohnt, ohne Vater zu leben. Aber für unsere Mutter war diese Ungewissheit kaum zu ertragen. Es fehlte ja auch der Ernährer “, sagt Künkel und erzählt von dem typischen Geräusch der folgenden Jahre: eine monotone Radiostimme, die endlose Namenskolonnen von Vermissten vorliest. Wie ein nie versiegender Strom, der den Lebenden Hoffnung gibt.

 Irgendwann im Frühjahr 1947 klopft es an der Tür. „Ich habe aufgemacht. Das stand ein fremder Mann und sagte: ’Ich bin dein Vater‘. Er sah ganz anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Nur noch die halbe Portion, das Gesicht stoppelig und eingefallen.“

 Vater war Kriegsgefangener

 Später stellt sich heraus: Der Vater war in britische Kriegsgefangenschaft geraten, dann als Pädagoge mit Sanitätsausbildung schnell ins niedersächsische Bethel geschickt worden, um Kinder zu betreuen. Von dort versuchte der Vater, seine Familie wiederzufinden. Auch er nutzte den DRK-Suchdienst. Dort muss irgendjemand unter den Hunderttausenden Karteikarten per Hand die beiden von Mutter und Vater Künkel zusammengebracht haben.

 Anfangs fällt es Manfred schwer, den Vater als Herrn im Haus zu akzeptieren. 1958 gibt es noch eine Machtprobe: Der Sohn will zum Bundesgrenzschutz, der Vater lehnt nach seinen Erfahrungen in der NS-Zeit alles Militärische ab und verweigert seine Einwilligung. Doch diesmal setzt der Sohn sich durch.

 Später gründet er eine Familie, holt das Fachabitur nach, arbeitet im gehobenen Dienst bei Bundes- und Landesbehörden und engagiert sich ehrenamtlich beim DRK. Aus Dankbarkeit. „In all diesen Wirren war es für uns ein Wunder, einander wieder zu finden.“

 DRK-Suchdienst nahm Arbeit in Flensburg auf

 Der Geburtsort des Suchdienstes ist Flensburg: Dort sammeln Freiwillige im April 1945 spontan Namen von Verschollenen – und lösen damit eine Kettenreaktion aus. Bald engagieren sich im ganzen Land Freiwillige vor allem von Kirchen und DRK im Suchdienst. Im September wird die Suchdienst-Stelle des DRK von Flensburg nach Hamburg verlegt. Zeitgleich beginnt in München die Suchdienst-Arbeit, der heutigen Zentrale. Von den 2,5 Millionen Menschen, die allein von 1945 bis 1950 als vermisst gemeldet wurden, konnte der Dienst das Schicksal von 1,2 Millionen Menschen klären. Die ungeklärten 1,3 Millionen Fälle bleiben weiter in der Zentralen Namenskartei in München erfasst. Dort laufen alle Suchanfragen aus dem Bundesgebiet zusammen und werden bearbeitet. Oft wird dabei auch das weltweite Netzwerk mit anderen Organisationen (wie die des Roten Halbmonds) genutzt. Insgesamt sind in München 20 Millionen Suchfälle gespeichert. Jeder neue Fall wird doppelt bearbeitet: elektronisch und auf Karteikarten. So bleibt der Suchdienst auch bei Stromausfall oder Cyberattacken arbeitsfähig.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

KN-KSV-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele von Holstein Kiel im KN-KSV-Liveticker.

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
DRK-Suchdienst
Foto: Plakat des DRK Suchdienstes Hamburg mit Porträts von Kindern, die während des 2. Weltkrieges oder in den Nachkriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden und ihre Herkunft nicht kennen.

Sie sind späte Opfer des Zweiten Weltkriegs: Menschen, die plötzlich entdecken, dass sie als Kinder in den Kriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden. Jahrzehnte später wollen sie endlich wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr