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Wer hat Alwen gesehen?

DRK-Suchdienst Wer hat Alwen gesehen?

Ein junger Syrer will nach Deutschland flüchten. Doch auf dem Weg passieren ungeklärte Dinge. Die Spur des 19-Jährigen verliert sich. Nun bittet der Cousin aus Kiel die Öffentlichkeit um Mithilfe.

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Ali Ismaeil (links) sucht seinen Cousin Alwen Mdhat. Anna Dieckmann (rechts) vom DRK-Suchdienst unterstützt ihn dabei.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Es ist einer von vielen Fällen, die beim DRK-Suchdienst in Kiel landen. Als Anna Dieckmann dort vor 15 Jahren mit ihrer Arbeit begann, wurden die meisten Suchanfragen noch von Spätaussiedlern gestellt. Heute kommen hauptsächlich Flüchtlinge zu ihr: Männer, die ihre Frau und Kinder nach Deutschland holen möchten. Oder verzweifelte Menschen wie Ali Ismaeil aus Kiel, die Angehörige suchen, die auf der Flucht verschollen sind.

 19 Jahre ist Alwen alt, als der Islamische Staat Mitte 2014 die Familie in Syrien in Angst und Schrecken versetzt. Die Eltern beschließen: Wenigstens der Sohn soll in Sicherheit gebracht und nicht zum Kanonenfutter werden. Illegal flieht Alwen Mdhat nach Libyen, besteigt dort im September ein Boot nach Italien. Von dort will er nach Deutschland, wo sein Cousin in Kiel lebt. Der Kahn ist völlig überladen: Statt der zugelassenen 120 drängen sich fast 500 Menschen auf dem Kahn, wird später das italienische Fernsehen berichten. Einige Tage später erhält der Vater die Nachricht: Das Schiff ist gesunken, Alwen im Mittelmeer ertrunken.

 Doch der Vater will letzte Gewissheit. Er bittet den italienischen Fernsehsender um die Veröffentlichung von Alwens Foto und Namen. Einige Zeit später passiert das Unglaubliche: Der Vater erhält ein aktuelles Foto, das seinen Sohn zeigt – in einer ehemaligen Kaserne in Karlsruhe. Sofort bittet der Vater seinen Neffen Ali Ismaeil in Kiel um Hilfe.

Suche nach dem Cousin

 Ismail ist vor 14 Jahren an die Förde gekommen, um hier Geophysik zu studieren. Jetzt macht er sich sofort auf die Suche nach seinem Cousin. Doch in Karlsruhe muss er feststellen: Die Flüchtlingskaserne ist bereits seit Monaten geschlossen. Die Flüchtlinge wurden auf andere Unterkünfte in ganz Deutschland verteilt. „Über Alwen konnte man mir in Karlsruhe und auch beim Bundesamt für Migration nichts sagen“, berichtet der 44-jährige und fragt: Wie kann das sein, wenn der Cousin in einer offiziellen Flüchtlingsunterkunft gelebt hat? Der Fall gibt Rätsel auf.

 Im Dezember zeigt ein arabischer Sender einen Bericht über Flüchtlinge. Alwens Vater sitzt vor dem Fernseher und bittet auch diesen Sender um die Veröffentlichung seiner Suchanfrage. Das geschieht. Und wieder melden sich andere Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten und Libyen. Übereinstimmend berichten sie, dass Alwen bei dem Schiffsuntergang von der Besatzung eines italienischen Schiffes gerettet worden sei und dass er es mit ihnen nach Deutschland geschafft habe. Aber Alwen sei es nicht gut gegangen: Er leide an einer Amnesie, könne sich an nichts mehr erinnern. Wo er jetzt sei, wissen die Männer nicht.

Keinerlei Hinweise

 Ali Ismaeil hat inzwischen vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein den Rat bekommen, sich an den DRK-Suchdienst zu wenden. So landet der Syrer im Januar bei Anna Dieckmann. „Zusammen haben wir versucht, so viele Details wie möglich zu finden und eine Chronologie zu erstellen“, sagt die 41-Jährige. Dann wurde der Suchantrag an die Suchdienst-Zentrale nach München geschickt. Inzwischen gibt es eine erste Antwort: keinerlei Hinweise, ob Alwen lebt und wo er sich aufhalten könnte. Aber er wird als offener Fall weiter verfolgt.

 Dann passiert etwas Merkwürdiges. Der Kieler Ismaeil bekommt von einem Flüchtling aus Skandinavien einen Brief. Inhalt: der Pass und und das Abiturzeugnis von Alwen. Die Unterlagen, schreibt der Absender, habe er auf dem Schiff gefunden, das die Überlebenden des Bootsuntergangs gerettet habe. Hat Alwen sie dort verloren oder aufgrund der Amnesie liegen gelassen? Oder hat jemand sie gestohlen und als neue Identität genutzt? Alles unklar.

 „Ich möchte so gerne klären, was mit meinem Cousin passiert ist. Wenn er noch lebt, braucht er sicher Hilfe“, sagt Ali Ismaeil und setzt jetzt auf die Öffentlichkeit – und weiter auf den Suchdienst. Das DRK will Fotos von Alwen Mdaht und Ali Ismail auf Postern und im Suchdienst-Portal online veröffentlichen. „Vielleicht“, so hofft der Syrer aus Kiel, „kann uns irgendjemand weiterhelfen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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