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Wer weiß, wer ich bin?

DRK-Suchdienst Wer weiß, wer ich bin?

Sie sind späte Opfer des Zweiten Weltkriegs: Menschen, die plötzlich entdecken, dass sie als Kinder in den Kriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden. Jahrzehnte später wollen sie endlich wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind.

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Plakat des DRK Suchdienstes Hamburg mit Porträts von Kindern, die während des 2. Weltkrieges oder in den Nachkriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden und ihre Herkunft nicht kennen. Repro Sven Janssern

Quelle: DRK/Repro Sven Janssern

Kiel/Kronshagen. Das Deutsche Rote Kreuz hat im April 1945 in Flensburg einen Suchdienst gegründet, um Familien wieder zusammenzubringen, die durch bewaffnete Konflikte, durch Katastrophen oder Migration auseinandergerissen wurden. Oft entdecken die Opfer erst Jahrzehnte später, dass sie betroffen sind. Das hat Gudrun Fritz aus Kronshagen immer wieder erlebt.

 Ein Kind steht verloren am Straßenrand. In der Hand eine Puppe, um den Hals ein Schild. Aufschrift: Wer bin ich? Gudrun Fritz kennt solche Fotos nur aus Büchern, als sie 1986 beim DRK-Landesverband in Kiel die Stelle des Suchdienstes übernimmt. „Ich wusste, dass in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit viele Kinder ihre Familien verloren hatten oder von ihnen bei Flucht und Vertreibung getrennt worden waren. Aber dass ich noch Jahrzehnte später mit dem Schicksal dieser bedauerlichen Menschen konfrontiert werden würde, das habe ich nicht geahnt“, sagt die 72-Jährige.

 Immer wieder standen in den folgenden Jahren plötzlich Menschen mittleren Alters vor ihrem Schreibtisch. Aufgewühlt und auf der Suche nach jemandem, der ihnen Klarheit bringen konnte. „Meist waren ihre Eltern verstorben und im Testament oder dem Nachlass fand sich ein Hinweis, dass es gar nicht die leiblichen Eltern waren. Meist hatten sie das Kind einsam und verlassen irgendwo aufgelesen und sich seiner angenommen“, erinnert sich Gudrun Fritz.

 Sie hat dann erst einmal ein ruhiges Gespräch geführt und ein paar Tage verstreichen lassen. „Für diese Menschen war eine Welt zusammengebrochen. Sie empfanden ihr Dasein als eine große Lebenslüge, fühlten sich von den vermeintlichen und den leiblichen Eltern hintergangen, entwurzelt.“ In dieser Situation wollte sie ihnen nicht die Hoffnung nehmen.

 Denn die Chance, die Identität anhand der raren Angaben noch aufklären zu können, waren gering: Manchmal gab es nur die Initialen des Namens, manchmal ein Geburtsdatum und den Vornamen, selten Hinweise auf den Herkunftsort. „Diese Menschen waren plötzlich zu späten Opfer dieses schrecklichen Krieges geworden“, sagt Gudrun Fritz, die die Angaben nur sammeln und dann an das Zentralregister in München weiterleiten konnte. Ob die Herkunft geklärt werden konnte? „Ich habe von keinem solchen Fall erfahren. Aber ich hoffe, dass es ein wenig geholfen hat, zumindest alles versucht zu haben.“

 Eher helfen konnte sie in den 20 Jahren beim Suchdienst Verrentung den vielen Spätaussiedlern, die selbst nach Schleswig-Holstein oder ihre Familie hierher holen wollten. Und immer noch ging es verschollene Wehrmachtssoldaten. „Als der Eiserne Vorhang fiel, kamen in den 90ern immer wieder Menschen aus ehemaligen Sowjetrepubliken zu mir und legten ovale Erkennungsmarken der Soldaten auf den Tisch.“ Manchmal gleich eine ganze Handvoll der kleinen Blechplättchen, in der Mitte perforiert zum Durchbrechen und mit gestanzten Buchstaben und Zahlen versehen. „Die Leute erhofften sich Geld dafür. Das konnte ich ihnen natürlich nicht geben“, erinnert sich die Kronshagenerin. Stattdessen versucht sie herauszufinden, wo die Erkennungsmarken genau gefunden wurden. Allein im Osten gilt noch über eine Million deutsche Soldaten als vermisst. „Für die Familien ist es ganz wichtig, zu erfahren, wo die Männer, Brüder, Väter und Großväter gestorben sind“, sagt Gudrun Fritz.

 Irgendwann blieben die Besucher mit den Erkennungsmarken aus. Möglicherweise hatten sie einen anderen Absatzweg entdeckt: Über Internet und Auktionsplattformen wurden die Erkennungsmarken – unwürdig als „Hundemarken“ tituliert – zu Geld gemacht. Gudrun Fritz findet das menschenverachtend: „Den Hinterbliebenen wird damit die letzte Chance genommen, ihre Trauer aufzuarbeiten.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Manfred Künkel (76) zeigt Fotos der inzwischen verstorbenen Eltern: Sie hatten sich nach dem Krieg über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes wiedergefunden.

Familien zusammenbringen, die durch Krieg, Konflikte oder Katastrophen auseinandergerissen wurden – das versucht der DRK-Suchdienst seit April 1945. Bei der Familie von Manfred Künkel (76) aus Trappenkamp hat das geklappt.

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