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„Mein Auftrag ändert sich“

Bischof Gothart Magaard „Mein Auftrag ändert sich“

Bescheiden im Auftritt, besonnen in der Wortwahl, beharrlich in der Durchsetzung seiner Ziele – so zeigt sich der neue Bischof für Schleswig und Holstein, Gothart Magaard, nach seiner Wahl. Und er macht klar: Er wird sich weiter einmischen in gesellschaftspolitische Diskussionen.

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Bischof Gothart Magaard (57) im Interview am Tag nach seiner Wahl.

Quelle: vr

Kiel. Sie haben für Ihre Vorstellung im Schleswiger Dom das Bonhoeffer-Wort „Beten und Tun des Gerechten“ gewählt. Wann beten Sie?

 Meistens am Morgen, oft am Abend – und immer vor den Gottesdiensten und am Beginn von Sitzungen. Tagsüber hängt es von der Situation ab. Manchmal, wenn ich im Auto unterwegs bin – aber keine Sorge: Ich werde gefahren. Das sind immer Momente, die mir helfen, zur Ruhe zu kommen und mich zu zentrieren.

 Sie sind als Sohn eines Pastors und einer Theologin in Flensburg geboren, in Munkbrarup und Schleswig aufgewachsen. Als junger Mensch haben Sie die Schlei verlassen – als Bischof kehren Sie nun zurück. Wann ziehen Sie von Preetz nach Schleswig?

 Ja, das hätte ich mir in meiner Jugend nicht träumen lassen. Wir ziehen voraussichtlich im Sommer um. Das hängt davon ab, wann es mit dem Schulwechsel meiner Frau klappt, die in Lütjenburg als Lehrerin tätig ist.

 Sie haben als Bischofsvertreter bereits alle Aufgaben eines Bischofs wahrgenommen. Ändert sich für Sie durch die Wahl überhaupt etwas?

 Da bin ich selbst sehr gespannt. Ich ändere mich als Person ja nicht, aber mein Auftrag ändert sich schon. Ich habe in den vergangenen Jahren in einer Art Vertretungsmodus gearbeitet. Ich glaube, dass ich jetzt langfristiger und geplanter Themen verfolgen und Akzente setzen kann. Dafür ist die Wahl eine wunderbare Rückenstärkung.

 Sie haben sich vor drei Jahren als einer der Ersten für die Hebammen eingesetzt, auch die neue Bäderregelung mit auf den Weg gebracht. Was kommt als Nächstes?

 Es gibt eine Reihe von Themen, die mir am Herzen liegen, beispielsweise die Bekämpfung der Kinderarmut. Es ist doch unerträglich, dass etwa 70000 Kinder in Schleswig-Holstein unter sehr schwierigen Bedingungen aufwachsen. Um die Situation zu verbessern, benötigt unser Land viele Verbündete. Denn wir wissen, dass gerade die Versäumnisse in den ersten Lebensjahren oft langfristige Folgen für die Kinder und ihre Chancen in der Gesellschaft haben.

 Kurz vor Ihrer Ordination 1986 kam es zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Wird diese Erfahrung auch Ihr Bischofsamt beeinflussen?

 Die Bewahrung der Schöpfung beschäftigt mich seitdem sehr intensiv. Ich hatte die Möglichkeit, als Direktor des Predigtseminars in Preetz bei einem Umbau Akzente zu setzen: Solaranlagen waren vor 13 Jahre noch nicht so verbreitet, Regenwassernutzung, Naturerlebnisraum – ich wollte damit die angehenden Pastorinnen und Pastoren für dieses Thema sensibilisieren. Seit einigen Jahren bin ich Schirmherr für das Freiwillige Ökologische Jahr und für die Aktion „Klima Sail“. Jugendliche segeln in den Sommerferien auf der Ostsee und kontrollieren ihren Ressourcenverbrauch genau und setzen sich mit dem Klimawandel in der Ostsee und weltweit auseinander. Wir wissen von unseren Partnerkirchen, wie dramatisch sich die Veränderungen bereits heute in anderen Teilen der Welt auswirken. Ich will überzeugen, dass wir jetzt handeln müssen, gerade mit Blick auf die nachfolgenden Generationen.

 Lassen wir die Kirche im Dorf! Nicht so einfach angesichts des demografischen Wandels , oder?

 Ich beobachte in den ländlichen Regionen eine hohe Verbundenheit und Identifikation der Menschen mit ihrer Kirche, gerade auch mit dem Gebäude. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise gibt es viele Kirchenbauvereine, die sich für die Erhaltung der Kirchen einsetzen. Und auch hier gibt es ein großes Engagement bei umfangreichen Renovierungsprojekten wie in Schönberg, Jevenstedt oder der Christkirche in Rendsburg. Das ist natürlich eine große Kraftanstrengung, und die Gemeinden sind daher auf eine breite Unterstützung angewiesen. Zugleich stelle ich aber immer wieder fest, dass in diesen Phasen nicht nur an Gebäuden gebaut wird, sondern dass auch im Miteinander der Gemeinden Neues wächst.

 Und wie lässt sich das kirchliche Angebot auf dem Lande erhalten, wenn dort immer weniger Menschen leben?

 Gemeinden sollten mit Nachbargemeinden in den Regionen gut zusammenarbeiten. Wenn Kirchenmusik oder Jugendarbeit gemeinsam organisiert werden kann, an wechselnden Orten, aber mit einer Kraft, dann ist oft viel gewonnen. Gleichzeitig sollten wir uns mit anderen Einrichtungen und Organisationen verbünden, damit die Lebensqualität in den ländlichen Räumen erhalten bleibt.

 Sie waren in verschiedenen Funktionen für den theologischen Nachwuchs zuständig. Auf die Kirche rollt eine Pensionierungswelle zu, die in sieben, acht Jahren voll durchschlagen wird. Was muss Kirche bieten, damit junge Leute Pastorin oder Pastor werden?

 Die Voraussetzung ist natürlich ein Interesse an Theologie und an dem Beruf des Pastors oder der Pastorin. Ganz gleich, ob sie durch die kirchliche Arbeit oder den Religionsunterricht aufmerksam wurden. Diese Jugendlichen müssen wir erreichen und ihnen gute Informationsmöglichkeiten anbieten über das umfassende Studium, eine fundierte praktische Ausbildung, einen faszinierenden Beruf. Wir müssen auch deutlich machen, dass wir diese jungen Menschen langfristig brauchen und für gute Arbeitsbedingungen sorgen wollen.

 Nach den Verfehlungen des (katholischen) Erzbischofs von Limburg kam es auch in der evangelischen Nordkirche vermehrt zu Kirchenaustritten. Wie wollen Sie wieder mehr Mitglieder für die Nordkirche gewinnen?

 Wichtig ist, dass wir eine einladende Kirche sind. Das muss spürbar für die Menschen sein, durch die Art, wie wir sie zu Gottesdiensten und Veranstaltungen willkommen heißen. Aber auch, indem Menschen auf die kirchliche Arbeit vor Ort aufmerksam werden und sagen: Diese Jugendarbeit, dieser Chor, dieser Gottesdienst, dieser Konfirmandenunterricht, diese Kindertagesstätte, diese Trauerbegleitung oder einfach: diese Haltung zum Leben überzeugen mich.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Die Erleichterung war gestern nach der Wahl des Bischofs im Schleswiger Dom mit den Händen zu greifen. Das hatte weniger damit zu tun, dass es mit Gothart Magaard der Wunschkandidat vieler schleswig-holsteinischer Synodalen geschafft hatte. Nein, auch Elisabeth Knotte wäre als Bischöfin eine gute Wahl gewesen. Es war die Erleichterung darüber, dass erst mit dieser Wahl die langwierige Geburt der Nordkirche abgeschlossen ist.

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