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Die Krux mit dem Kleingedruckten

Marktplatz auf KN-online Die Krux mit dem Kleingedruckten

Sind denn alle begriffsstutzig? Das ist doch nicht zu fassen. Wenn auch Sie Probleme mit dem Kleingedruckten haben, sind Sie hier aber genau richtig. Weiterblättern!

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Auf die Feinheiten kommt es an, meint unser Autor - zum Beispiel bei der Interpretation der Einkommenssteuererklärung.

Quelle: dpa

Kiel. Offenbar können viele Menschen einfach nicht begreifen, dass bei jemandem, dessen Einkommen ganz oder teilweise aus Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit besteht, von denen ein Steuerabzug vorgenommen worden ist, eine Veranlagung nur durchgeführt wird, wenn bei einem Steuerpflichtigen die Summe der beim Steuerabzug vom Arbeitslohn nach § 39b Abs. 2 Satz 5 Nr. 3 Buchstabe b bis d berücksichtigten Teilbeträge der Vorsorgepauschale größer ist als die abziehbaren Vorsorgeaufwendungen nach § 10 Abs. 1 Nr. 3 und Nr. 3a in Verbindung mit Abs. 4 und der im Kalenderjahr gesamt erzielte Arbeitslohn 10.200 Euro übersteigt. Ist das denn so schwer zu kapieren?

 Die Steuererklärung soll Deutschlands Nummer eins des nicht verstandenen Kleingedruckten sein. Nicht zu glauben. Das aber meldet Forsa, Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen. Auf Platz zwei folgen demnach Versicherungstexte. Schwer zu verstehen soll also auch sein, wenn die allgemeinen Bedingungen für eine aufgeschobene Rentenversicherung mit flexibler Todesfall-Leistung eigentlich deutlich erklären, dass bei einem Wechsel der Überschussverwendung sich der auszuzahlende Betrag aus garantierter Rente und dynamischer Überschussrente im Vergleich zum vorher ausgezahlten Betrag aus garantierter Rente und Sofortüberschussrente verringert. Wo ist das Problem?

 Kurz: Wir haben größte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Forsa-Studie. Man blicke nur auf Platz drei der Kleindruck-Gefürchteten: Banken. Kann nicht angehen! Der Börsensektor zum Beispiel besticht nach schonungslosen Nachbesserungen der Gesetzgeber weltweit doch nun wirklich durch klarste Transparenzen. Selbst der laienhafteste Anleger muss bei der Diversifikation seines Fondspickings eben einfach mal ein Auge auf OBOS-Oszillator, Coppock-Indikator und Leverage-Effekt haben. Dann passt das doch schon. Und?

 Wir raten davon ab, sich näher mit den weiteren Plätzen des mysteriösen Forsa-Rankings zu beschäftigen. Kleingedrucktes von Mobilfunkanbietern, Stromlieferanten, Lebensmittelherstellern und Medikamentenproduzenten soll demnach auch ganz fürchterlich schwer zugänglich sein. Dabei weiß jeder, dass es sich dabei meist um mit Spezialisten gespickte Global Player handelt. Firmen also, die mit all ihren Standbeinen fest auf den Böden der Welt stehen. Firmen, die es in marktbestimmende Positionen geschafft haben. Die wissen doch, was sie tun.

 Auch Torsten Oletzky steht vor einem Rätsel. Er ist Chef der Ergo Versicherungsgruppe, die die Forsa-Studie in Auftrag gegeben hat. Auch Oletzky kann nicht begreifen, warum die Menschen glauben, Versicherungstexte seien besonders schwer zu verstehen. Besonders knifflig an der Studie für ihn: Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, Versicherungstexte seien mitunter absichtlich unverständlich formuliert worden. Der Ergo-Chef hat das Ergebnis jetzt als „bedrückend“ bezeichnet. Armer Kerl. Von Unverständlichkeit, so Oletzky, habe sein Unternehmen „doch gar keinen Nutzen“. Eben!

 Überflüssigerweise will die Versicherung ihr Kleingedrucktes vereinfachen und verkürzen. Wer sich zum Beispiel für eine Familien-Privathaftpflicht entscheide, erhalte „statt eines 38-seitigen Bedingungsheftes heute ganz einfach 4 Seiten“. Das Unternehmen garantiert sogar, dass uns diese knappen Versicherungsbedingungen „in keinem Punkt schlechter stellen“. Wir meinen: Schade um die angeblich überflüssigen 34 Seiten. Sie werden ihren Sinn gehabt haben.

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Ein Artikel von
Oliver Hamel
Wirtschaftsredaktion