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Die Labormaus auf dem Nagetier-Schlitten

UKSH Die Labormaus auf dem Nagetier-Schlitten

Hauptsache, die Maus ist gut versorgt. Studierende des Wirtschaftsingenieurwesens haben gemeinsam mit dem UKSH einen Nagetier-Halter entwickelt. Ein „Wärmebett“, das während der Aufnahmen im Kernspintomografen besonders stabil ist – angenehmer für die Maus, besser für die forschenden Mediziner. Gibt es den bequemen Tierversuch?

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Die neue Konstruktion macht es möglich: Wenn die Maus (hier aus Plüsch) in den Kernspintomografen fährt, können klarere Bilder gemacht werden als vorher.

Quelle: Paesler

Kiel. An diesem Nachmittag muss eine Plüschmaus herhalten. Sie wird auf die Halterung geschnallt, die Zähne in der Bissvorrichtung, den Rücken unter einem wärmenden Schlauch. Bei konstanter Temperatur wird die Maus beatmet. Ist alles stabil, dann verschwindet sie in einer schwingfesten Halterung in der Röhre – im Kernspintomografen (MRT). Was bei diesem Versuch noch grau, wattiert und aus Plüsch ist, ist schon in den nächsten Tagen weiß, mit Organsystem und lebendig, aber voll narkotisiert. Ein gängiger Tierversuch mit einer Labormaus im Molecular Imaging Competence Center Nord (MOIN CC) am UKSH.

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Prof. Susann Boretius (re.) und Dr. Jürgen Baudewig am MRT.

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 „Diese bildgebenden Versuche sind für uns entscheidend“, erklärt Prof. Susann Boretius aus dem Team der diagnostischen Radiologie. „Was wir hier machen, soll Menschen helfen. Die Früherkennung von Tumoren wie dem Bauchspeicheldrüsenkrebs, aber auch Alzheimer- und Demenzforschung können so vorangebracht werden“, nennt Boretius Beispiele. „Wir suchen nach Markern, die uns den Tumor möglichst früh anzeigen, sogar übers Bild.“ Getestet wird an der Maus, und die soll es möglichst angenehm haben. So oder ähnlich hat die Wissenschaftlerin den Studierenden ihre Arbeit am so genannten „Mausbett“ nahe gebracht. Denn sie waren gefragt, einen möglichst bewegungsarmen Nagetier-Halter zu entwickeln. Beihilfe zum Tierversuch ohne Skrupel?

 „Wir hatten am Anfang unsere Bedenken“, sagt Studentin Anna Günther. „Aber relativ schnell war klar, dass die Versuche für die Mäuse optimiert werden sollen. Sie finden ja ohnehin statt, nur bisher wenig komfortabel“, erzählt die 23-Jährige. Niemand habe das Seminar verlassen. „Die Studierenden waren überraschend offen“, sagt auch Dr. Jürgen Baudewig aus dem Forschungsteam über die 21 jungen Entwickler. „Normalerweise sagt man ja, es gibt zwei Dinge, auf die Studierende allergisch reagieren: Rüstung und Tierversuche.“ In diesem Fall aber habe eine gute, offene Diskussion stattgefunden mit dem Ergebnis, dass die Studierenden mitmachen.

 Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ hätte der Konstruktion wohl nicht bedingungslos zugestimmt. „Wir sind generell gegen Tierversuche – aus ethischen wie aus wissenschaftlichen Gründen“, sagt Corina Gericke, Veterinärin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Auch Tiere haben ein Recht auf Leben und empfinden Schmerzen.“ Zudem könnten die Versuchsergebnisse nicht von der Maus auf den Menschen übertragen werden. Man bringe so nicht nur Tiere, sondern auch die menschlichen Probanden, die nach dem Tierversuch die Medikamente testen, in Gefahr. „Das ist Forschung des 19. Jahrhunderts.“

 Für den Leiter der Tierhaltung am UKSH, Herr über 100 Linien an genveränderten Labormäusen in sterilen Lüftungsströmen, gehören die Tierversuche unabdingbar zur Wissenschaft des 21. Jahrhunderts. „In vivo veritas“ („Im Leben liegt Wahrheit“), formuliert er seine Maxime. Zwar würden Teilaspekte wie beispielsweise Zellpopulationen im Reagenzglas erprobt, aber komplexe Strukturen und Steuerungsmechanismen könnten Wissenschaftler nur am ganzen Organismus untersuchen. „Jeder, der krank wird, erhebt stillschweigend den Anspruch, nach dem neuesten Stand der Wissenschaft behandelt zu werden. Natürlich mit erprobten Medikamenten. Woher soll dieses Wissen kommen?“

 Aus der Forschung am UKSH zum Beispiel – das befanden die Studierenden. Zehn Wochen blieben ihnen für dieses sogenannte „Integrative Projekt“ an der Wirtschaftsakademie. „Sie mussten alle wichtigen Fragen vom Material bis zur Konstruktion beantworten. Der Halter sollte darüber hinaus auch von den Studierenden gefertigt werden“, erklärt Prof. Jürgen Rudolph das praxistaugliche Projekt. In Kleingruppen kümmerten sich die Studierenden dann eigenständig um Konstruktion, Fertigung, Management und Werkstoffkunde. Experiment geglückt: „Die Konstruktion passt perfekt“, sagt Prof. Boretius an der Plüschmaus. „Da wackelt nichts mehr. Es ist angenehmer für die Maus und ergibt klarere Bilder“, sagt die Wissenschaftlerin.

 „Am Ende unserer Projektphase haben wir eine Übergabe am UKSH gemacht“, erzählt Studentin Anne Günther. Bei den Versuchen zugeschaut haben sie aber nicht. Höchste Sterilität ist hier gefordert – nicht um der Menschen, sondern um der Tumormaus willen. Um der Wissenschaft willen.

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