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Erst Marzipan, dann ernste Töne

Bundespräsident in Lübeck Erst Marzipan, dann ernste Töne

Kaum ist das G7-Außenministertreffen in Lübeck vorbei, hat die Hansestadt schon wieder hohen politischen Besuch bekommen: Bundespräsident Joachim Gauck reiste gestern mit 180 Diplomaten und Vertretern aus aller Welt an. Im Fokus des präsidialen Tagestrips standen neben internationaler Kontaktpflege vor allem wirtschaftliche und kulturelle Aspekte.

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Joachim Gauck hat in Lübeck ein Werk des Marzipan-Herstellers Niederegger besucht.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Lübeck. „Wie jetzt? War das G7-Treffen nicht schon?“ Ungläubig hielt eine Spaziergängerin inne, als eine Kolonne aus schwarzen Limousinen, Polizei-Motorrädern und gecharterten Bussen an ihr vorbeirauschte. Vor fünf Wochen erst waren die Außenminister der sieben größten Wirtschaftsmächte zu Gast an der Trave. Nun war es der Bundespräsident, der sich Schleswig-Holstein und Lübeck als Ziel seiner jährlichen Informations- und Begegnungsreise ausgesucht hatte. Kurz nach 10 Uhr landete die Maschine des Staatsoberhaupts auf dem Flughafen Blankensee. Mit an Bord: die Missionschefs des Diplomatischen Korps aus Berlin.

„Wir freuen uns sehr, dass wir die Möglichkeit haben, den Vertretern so vieler Staaten eine der schönsten Ecken unseres Landes zu zeigen“, schwärmte Anke Spoorendonk (SSW). Sie vertrat am Morgen den Ministerpräsidenten Torsten Albig (SPD), der im Plenum des Landtages offenkundig dringender gebraucht wurde als die Justizministerin. Zunächst ging es mitten ins Gewerbegebiet zum Produktionssitz der Firma Niederegger. Firmenchef Holger Strait reichte Trüffel und Marzipan, bevor er einen Abriss der 203-jährigen Unternehmensgeschichte präsentierte und gruppenweise mit den Gästen zur Tour durch die Produktion startete. „Es ist kein Zufall, dass wir hier bei Niederegger unser Programm beginnen“, sagte Gauck. Schließlich seien die Lübecker Mandelsüßigkeiten nicht nur weltberühmt. „Die Geschichte des Unternehmens ist auch ein gutes Beispiel deutscher Tradition erfolgreicher mittelständischer und familiengeführter Betriebe“, so der Bundespräsident.

Im Columbia-Hotel in Travemünde schlug Gauck ernste Töne an: „Eingebettet in die Europäische Union und das Nato-Bündnis fühlten wir Deutsche uns mehr als zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges gut behütet vor Krisen und Konflikten. Jetzt merken wir, wie bedrohlich nah Unfrieden und Instabilität sind.“ Als Beispiele nannte er die Krise in der Ukraine und die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer. „Es knirscht im tektonischen Gebälk der Weltordnung“, mahnte er und kündigte an, dass sich Deutschland politisch wie humanitär nicht zurücklehnen, sondern seinen Beitrag leisten werde.

Religiös und kulturell ging es weiter beim Besuch der Seefahrerkirche St. Jakobi und des Buddenbrookhauses in der Lübecker Altstadt. „Da isser ja“, jubilierte eine Passantin, als Gauck seiner Limousine entstieg. Ein paar Dutzend Zaungäste applaudierten hinter dem roten Absperrband. Eine Reaktion, die dem 75-Jährigen offenkundig dermaßen imponierte, dass er statt eines staatstragenden Winkens aus der Distanz doch zu einem kurzen Smalltalk mit den Lübeckern entschloss. „Geht es Euch denn gut?“, fragte er und ergriff Hände. „Er ist mein Lieblingspräsident – von allen, die ich kenne“, schwärmte eine ältere Dame, die aus Altenholz nach Lübeck gekommen war. „Ich schätze den Herrn Gauck sehr, er ist ein politisch Gerader. Das ist rar in diesen Zeiten“, würdigte ein anderer.

Im Eiltempo führte Museumschefin Birte Lipinski den hohen Gast durch die Ausstellung, bevor die Kolonne zur zweiten Firmenvisite startete. Im Drägerwerk inspizierte die Delegation ein Testlabor. Konkret stand der Schutz vor Infektionen, aktuell am Beispiel von Ebola, im Mittelpunkt. Bevor es per Flieger wieder nach Berlin ging und sich die umfangreiche Eskorte wieder ihren Weg durch die Straßen der Stadt bahnte, wurde es noch einmal gesellig: Im Veranstaltungsraum „Schuppen 9“ hatte Ministerpräsident Albig zum Empfang geladen. Und kommende Woche reist erneut hoher Besuch an: Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Mittwoch das Europäische Hansemuseum eröffnen.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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