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Eine Lektion fürs Leben

Bundesfreiwilligendienst ein Erfolgsmodell Eine Lektion fürs Leben

Knapp ein Jahr nach der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) ziehen Bund und regionale Träger in Schleswig-Holstein eine positive Bilanz: 128 Menschen leisten in Kiel den Bundesfreiwilligendienst (BFD) – gesellschaftliches Engagement für ein Taschengeld. Ein 21-Jähriger und ein 40-Jähriger erzählen, warum sie Essen ausfahren und Dialysegeräte desinfizieren. Freiwillig.

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Karsten Hannemann (40) ist BFDler am Dialysezentrum.

Quelle: Eisenkrätzer

Kiel. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man behaupten: Gerrit Schulze (21) ist der geborene Zivi. Er trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt, hat seine langen, braunen Haare zum Zopf gebunden und begrüßt den 83-jährigen Paul Bibow freudestrahlend auf dem Hof des Sozialen Beratungs- und Dienstleistungszentrums in Altenholz. Aber: Zivi war gestern. Gerrit Schulze absolviert den Bundesfreiwilligendienst.

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Karsten Hannemann (40) ist BFDler am Dialysezentrum.

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 Eigentlich war er nach dem Abitur 2011 an der Isarnwohld-Schule in Gettorf auf der Suche nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Weil ihn die FSJ-Angebote des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nicht überzeugten, wurde er kurzerhand an den Schreibtisch der Bundesfreiwilligendienste gewinkt. Und – das Angebot passte: Fahrdienst beim DRK Ortsverband Altenholz, Essen auf Rädern.

 „Ich wusste, dass ich vor dem Studium noch etwas Zeit brauchen würde“, sagt der 21-Jährige. „Als Orientierung und Vorbereitung.“ Inzwischen hat er drei Mappen für seine Bewerbung an Kunsthochschulen zusammengestellt. „Es ist als Findungsphase gedacht. Wir sind froh, dass er uns unterstützt, er kann seine Fähigkeiten hier einbringen“, sagt Sylvia Eisenberg, Vorsitzende des DRK-Ortsverbands, über den kreativen jungen Mann, der auch an der Homepage tüftelt.

 Um acht Uhr morgens fegt er, um zehn Uhr wirft Gerrit Schulze den Ofen an. „Das Essen muss schonend erwärmt werden“, weiß er nach neun Monaten in der Küche. Dann wird das Auto beladen, und los geht’s zu den wartenden Senioren hinter der Küchengardine. „Manche freuen sich schon den ganzen Vormittag, andere sind knatschig“, sagt Gerrit, der seinen Pappenheimern „Himmel und Erde“ oder – besonders beliebt – Bohneneintopf serviert.

 Kontinuität an der Stange: „Je länger jemand da ist, desto besser entwickelt sich das Vertrauensverhältnis“, sagt Sylvia Eisenberg. „Gerrit bleibt zum Glück ein ganzes Jahr.“ Viele Pflicht-Zivis hätten ihren Dienst auf neun oder sechs Monate verkürzt. Gerrit bleibt freiwillig. Zwei Bewerber habe es auf die Stelle damals gegeben. „Wir hatten zunächst befürchtet, dass nach dem Wegfall der Wehrpflicht gar keiner kommen würde“, sagt die DRK-Chefin. „Aber es ist problemlos angelaufen.“

 Im Leben von Karsten Hannemann (40) gab es schon immer ein „Pling Pling“. Früher, als er im Gewerkschaftshaus und in der Villa Hoheneck am Nord-Ostsee-Kanal kellnerte, da klirrten Gläser und Teller, da gab die Mikrowelle Signale. Jetzt piept das Dialysegerät. Karsten Hannemann ist Freiwilliger im PHV-Dialysezentrum in Kiel und arbeitet in der Nähe von chronisch nierenkranken Patienten. Er rüste Maschinen auf und ab, desinfiziere. „Und ich schmiere den Patienten die Brötchen oder koche Kaffee“, zählt er auf. „Nur ohne zu kassieren“, fügt er hinzu und lacht.

 „Das ist das Schöne beim Bundesfreiwilligendienst: Ich kann einbringen, was ich kann, und ich kann zugleich einen ganz neuen Einblick in den medizinischen Bereich bekommen.“ Von Osmose-Anlagen, Übersäuerung, Infusionslösung und Kapillaren hatte Hannemann bisher wenig gehört. Im April 2012 begann er als BFDler des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) neben seiner Arbeit als Fahrer für behinderte Kinder auf 400 Euro-Basis.

 „Im Dialysezentrum mache ich nur die Spätschicht, aber ich kann das sehr gut mit dem anderen Job abstimmen“, sagt er, der sieben bis acht Stunden dort verbringt. „Wo geht das sonst schon?“ Nicht nur um die zusätzlichen 469 Euro gehe es ihm, sondern um eine ansprechende Tätigkeit. „Für später mal“, sagt der 40-Jährige. „Vielleicht bekomme ich so den Fuß in einen neuen Aufgabenbereich.“ In die Pflege zum Beispiel.

 Seine Lebensgefährtin habe ihn in der Idee, ein „Bufdi“ zu werden, von Anfang an bestärkt, einigen Freunden habe er das Konzept erst einmal erklären müssen. „Kennt ja nicht jeder, Zivi haben ja nur die jungen Leute gemacht“, sagt er. Und ganz unkompliziert sei es nicht. „Es gibt den Bund, die Einsatzstelle, das Deutsche Rote Kreuz als Träger und mich“, zählt er auf. „Da ist ein normaler Arbeitsvertrag schneller unterschrieben.“ Aber es ist ja auch kein Arbeitsvertrag, sondern eine Lektion fürs Leben.

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