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Quälerei oder harmlose Routine?

Enthornung bei Kälbern Quälerei oder harmlose Routine?

Bauern enthornen Kälber, damit sie keine Menschen und sich nicht gegenseitig verletzen können. Die Landwirte sehen darin eine Notwendigkeit. Andere bezeichnen das als Tierquälerei.

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Ist es notwendig, dass Bauern Kälber enthornen?

Quelle: Frank Peter (Archiv)

Kaaks. Das Kälbchen steht auf wackligen Beinen eingezwängt in einer engen Box, es kann sich nicht bewegen. „Rund zwei Wochen ist es alt“, erzählt Bauer Marco Fels. Er hält ein rundes Brenneisen in einer Hand mit einem Loch in der Mitte so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Mit der anderen Hand packt er den Kopf des Kälbchens, und drückt das ungefähr 500 Grad heiße Brenneisen auf das bislang kaum erkennbare Horn. Weiße Rauchschwaden kräuseln sich in der Luft, und es stinkt nach verbrannten Haaren.

Obwohl das Kälbchen nicht betäubt wurde, gibt es keinen Mucks von sich. Nur ein Schmerzmittel hatte Bauer Fels ihm vorher injiziert. „Das ist wie für uns ein Besuch beim Zahnarzt: In einer Stunde hat das Kalb es wieder vergessen“, erklärt Fels an Agrarminister Robert Habeck (Grüne) gewandt. Der hat während der gesamten Aktion kein Auge von den Kälbchen gelassen. „Ich fand es weniger schlimm als ich gedacht hatte“, sagt er am Schluss: „Aber ich habe auch gesehen, dass die Kälber ganz schön geschnappt-atmet haben.“

Habeck hat sich am Montag auf einem Bauernhof in Kaaks im Kreis Steinburg informiert, wie das Veröden der Hornanlagen bei Kälbern in der Praxis vor sich geht. „Bevor man etwas kritisieren, ändern oder beibehalten will, muss man zuallererst sehen, wie die real existierende Landwirtschaft, die hoch ökonomisch durchstrukturiert ist, arbeitet“, sagt Habeck. Sie habe nichts gemein mit den Werbe-Botschaften auf Milchtüten und ähnlichem, die ein falsches Bild - ein „Bullerbü“-Bild der Landwirtschaft zeichneten.

Hintergrund ist ein Beschluss der letzten Agrarministerkonferenz am 20. März 2015. Dort hatte Habeck gemeinsam mit anderen Ländern wie Bayern und Niedersachsen durchgesetzt, dass die Bauern den jungen Kälbern beim Entfernen der Hörner nicht nur ein Schmerzmittel geben müssen, sondern sie auch durch ein Beruhigungsmittel sedieren. Den meisten Kälbern wird in den ersten Lebenswochen die Hornanlage mit einem Brenneisen verödet, weil erwachsene Rinder mit ihren spitzen Hörnern andere Kühe beziehungsweise den Bauern verletzen könnten.

Das Enthornen der Kälber sei „ein erheblicher Eingriff“, sagt Habeck. „Ohne Sedierung bedeutet der Eingriff erhöhten Stress und damit Leiden der Tiere.“

Es lasse sich wissenschaftlich nachweisen, dass das Stresshormon Cortisol im Speichel als Indikator für Belastungen bei der betäubungslosen Enthornung mit einem Brenneisen stark steigt, konkretisiert Stefanie Pöpken vom Kieler Verein „Provieh“, der sich gegen „tierquälerische Massentierhaltung“ engagiert. „Das ist ein erster Hinweis darauf, dass die Tiere den Eingriff spüren und ihm ausweichen möchten.“ Den Kälbern würden „bei vollem Schmerzempfinden mindestens zwei Brandwunden zugefügt. Brandwunden, das kennt man aus eigener Erfahrung, sind auch nach Tagen noch schmerzhaft. Von daher ist hier durchaus von Tierquälerei zu sprechen.“

Und eine Enthornung unter Betäubung? „Sedierte Kälber liegen lange auf dem Boden, sie können auskühlen — besonders im Winter kann es zu Unterkühlung kommen“, gibt Bauer Fels zu bedenken.

Das Beste wären demnach Kühe, die gleich ohne Hörner geboren werden. Die gibt es bereits, züchterisch gehen sie jedoch bislang auf lediglich zwei Stamm-Mütter zurück, sagt Peter Lüschow, Vizepräsident des Bauernverbands Schleswig-Holstein. Landwirte wollen jedoch nicht auf die anderen Merkmale verzichten wie Milch-Leistung, Körperbau oder Gesundheit. „Das muss mit dem Merkmal hornlos kombiniert werden, daher wird es wohl noch 20 Jahre dauern, bis die Enthornung der Vergangenheit angehört.“

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