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Viel größere Kulturunterschiede

Flucht 1945 und 2015 Viel größere Kulturunterschiede

Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat, zu Fuß, im Zug, mit dem Schiff – das gab es schon mal millionenfach in Deutschland, nach dem Krieg. Viele vergleichen die Situation mit heute – doch es gibt deutliche Unterschiede.

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"Das hatten wir doch schon einmal": Flüchtlinge warten 1945 in Berlin auf ihren Abtransport. Rund 14 Millionen Deutsche waren im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht, schätzen Historiker. Ein Großteil der Vertriebenen stammte aus Ostpreußen.

Quelle: dpa (Archivbild)

Flensburg/Hamburg. Flüchtlingstrecks in Deutschland – viele Menschen fühlen sich derzeit an Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Doch sind die Parallelen wirklich so groß? „Gravierende Unterschiede“ zwischen den innerdeutschen Migration um 1945 und der heutigen Einwanderung nach Deutschland sieht Sebastian Husen, Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft Ostpreußen. Viele der Flüchtlinge, die 1944/45 und später nach Schleswig-Holstein kamen, stammten aus dieser östlichsten Provinz des Deutschen Reiches.

Mit den Ostpommern bildeten die Ostpreußen die größte Gruppe von Flüchtlingen im Land zwischen den Meeren. Einer Erhebung von 1948/49 zufolge kamen aus beiden Gebieten je etwa 330000 Menschen. Weitaus geringer war die Zahl der Schlesier und Danziger. Mit dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern war Schleswig-Holstein laut Historiker Uwe Danker, Professor an der Europa-Universität Flensburg, das Land mit der größten Aufnahmekapazität nach dem Krieg. Von 1939 bis 1947 stieg die Zahl der Einwohner im Norden von 1,5 auf 2,7 Millionen.

Sensibilisierung reicht nicht aus

Die Auffassung des Bundes der Vertriebenen sei zwar, dass die deutschen Heimatvertriebenen für das Schicksal der heutigen Flüchtlinge sensibilisiert seien, da sie die Flucht am eigenen Leib miterlebt hätten, sagt Husen. „Sie wurden aber innerhalb eines Landes vertrieben.“

Wer von Königsberg nach Hamburg kam, der bewegte sich innerhalb des deutschen Staatsgebiets. „Die Menschen waren Angehörige eines Volkes, sprachen eine Sprache, und auch wenn sie protestantisch und katholisch waren, haben sie einen Gott angebetet, und sie trugen das gemeinsame Schicksal eines verlorenen Krieges.“ Die Flüchtlinge und die Menschen in West- und Mitteldeutschland hätten einem Kulturraum angehört. Heute kommen viele Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. „Der Schritt ist so viel kleiner gewesen“, sagt Husen mit Blick auf 1945. „Die gemeinsame Sprache, die gemeinsame kulturelle Identität, das war ein ganz wichtiger Punkt.“

Derzeitiger Zuzug ist "Riesenherausforderung"

„Jetzt zu sagen, wo es damals möglich war, 14 Millionen aufzunehmen, da muss man heute doch eine Million aufnehmen – davor würde ich warnen“, sagt Husen. Zu den heutigen Flüchtlingen ergäben sich religiöse Unterschiede. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Akzeptanz einer offenen Gesellschaft – das müsse bestehen bleiben. Husens Fazit: Der derzeitige Zuzug von Flüchtlingen sei „eine Riesenherausforderung, tausendmal schwieriger als damals“.

Historiker Danker sieht sowohl Unterschiede als auch Parallelen des heutigen Fluchtgeschehens zu 1945. Ein Unterschied sei, dass es damals um 12 bis 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene gegangen sei, im Jahr 2015 um geschätzt eine Million. Auch seien es wirklich Fremde, die nun kommen, 1945 waren es Deutsche: Ostpreußen, Pommern, Schlesier und andere. Zudem hätten Einheimische und Flüchtlinge den Zweiten Weltkrieg gemeinsam „verursacht, verantwortet und verloren“ und auch gemeinsam die Folgen tragen müssen.

Abneigung nach dem Krieg noch größer

Ähnlich ist nach Ansicht Dankers dagegen das „ambivalente Gefühl“ der Einheimischen gegenüber den Flüchtlingen. Allerdings habe man zur Zeit den Eindruck, die Flüchtlinge seien willkommen, während sie es nach dem Krieg „stark überwiegend“ nicht gewesen seien. „In allem widerstrebt uns dieses Volk“, zitiert Danker aus einem Brief aus dem Jahr 1946 – gemeint waren die Ostpreußen. Teilweise habe es geradezu rassistische Aussagen gegeben.

Ähnlich sei aber, dass die Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nie in ihre Heimat zurückgekehrt seien. „Die große Mehrheit der jetzigen Flüchtlinge wird auch bleiben.“ Und auch die gewählten Transportmittel glichen sich: Zug, Schiff und Fußmarsch. Während aber damals Frauen, Alte und Kinder kamen, weil die Männer meist in Gefangenschaft oder gefallen waren, seien es heute mehrheitlich Männer – oft als erste ihrer Familie.

20 000 Flüchtlinge im Norden – viele Syrer, fast drei Viertel Männer

Im Jahr 2015 sind bis Mitte September 20 000 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein gekommen. Ein Teil von ihnen sei noch nicht registriert, teilte das Kieler Innenministerium mit. Von den bereits erfassten Menschen stammt mit einem Anteil von 35 Prozent ein Großteil aus Syrien. Auf Platz zwei der Herkunftsländer folgen Albaner mit einem Anteil von 14 Prozent. Dahinter folgen Iraker (gut zehn Prozent), Afghanen (knapp zehn Prozent) und Menschen aus dem Kosovo (sieben Prozent). Bei den bis Ende August gestellten Asylanträgen liegt bei den Herkunftsländern bundesweit Syrien vor Albanien und Kosovo, Serbien, Irak und Afghanistan. Fast drei Viertel der registrierten Flüchtlinge im Norden sind männlich (73 Prozent).

Von Martina Scheffler

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