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Lübeck geht der Wohnraum aus

Flüchtlinge Lübeck geht der Wohnraum aus

Die Unterbringung von Flüchtlingen stellt Städte und Gemeinden in Schleswig-Holstein vor immer größere Herausforderungen. In Lübeck müssen jetzt bis zu hundert Hilfesuchende in der Sporthalle des Stadtverkehrs untergebracht werden. „Wir finden keine anderen Möglichkeiten mehr“, sagt Bürgermeister Bernd Saxe.

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Doppelstockbett, Schrank, Tisch: Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe in einer Wohnbox für Flüchtlinge in der Betriebssporthalle des Stadtverkehrs. In Messebau-Technik sind hier 25 Kabinen mit einer Größe von 25 Quadratmetern für jeweils vier Personen entstanden.

Quelle: Leo Bloom

Lübeck/Kiel. Bis zu elf Containerdörfer sollen bis 2016 entstehen. Ferner soll in der Hansestadt nach langem Hickhack eine Erstaufnahme-Einrichtung für 600 Asylsuchende eingerichtet werden.

„Bis zum Ende der Sommerferien will Innenminister Stefan Studt entscheiden, wo die Einrichtung gebaut werden soll“, sagt Saxe. Drei Vorschläge hat die Stadtverwaltung dem Ministerium in Kiel zur Auswahl gestellt. Probleme durch Anwohner-Proteste und Parteien-Zoff soll es nicht mehr geben. „Ich habe potenzielle Standorte gesucht, die keine Zustimmung der Bürgerschaft benötigen“, sagt Lübecks Bürgermeister. Wochenlang hatte es heftigen Streit in der Stadt um eine geplante Erstaufnahme-Einrichtung gegeben. Die Anwohner der Siedlung Bornkamp wehrten sich gegen die Pläne von Stadt und Land. Zu überdimensioniert sei die Unterkunft. Während die SPD im Stadtparlament das Vorhaben mit Vehemenz durchpeitschen wollte, lehnte ein Bündnis von CDU, FDP, Linken, Freien Wählern, Bürgern für Lübeck und Parteipiraten den notwendigen Verkauf des Areals ans Land ab. Die Grünen hatten sich in der hitzigen Diskussion ihrer Stimmen enthalten, ernteten dafür massive Kritik der eigenen Basis. Über die Landesgrenzen hinaus hagelte es negative Schlagzeilen, die politisch Verantwortlichen mussten sich wieder und wieder erklären.

 „Lübeck ist eine weltoffene Stadt – ohne jeden Zweifel“, sagt Bürgermeister Saxe nun und greift in die verwaltungsrechtliche Trickkiste. Die drei potenziellen Standorte, die zurzeit nicht näher bestimmt werden, befinden sich alle in privatem Besitz. Die Konsequenz: Die Bürgerschaft ist raus, Vertragspartner werden das Land Schleswig-Holstein und der Eigentümer des Grundstücks, für das sich Innenminister Studt entscheidet.

 Unterdessen wird es für die Verwaltung immer schwerer, Flüchtlingen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Wir finden einfach keine geeigneten Objekte mehr, so dass wir jetzt unseren Grundsatz aufgeben müssen, Asylbewerber nicht in Turnhallen unterbringen zu wollen“, sagt Sozialsenator Sven Schindler. 970 Flüchtlinge sind der Stadt bis gestern zugeteilt worden, die Gesamtanzahl von Bedürftigen für das Jahr 2015 von 1700 auf 2000 nach oben korrigiert. „Für das kommende Jahr kalkulieren wir mit 2700, vielleicht sogar mit 3000 neuen Ankünften“, sagt Verwaltungschef Saxe.

25 Quadratmeter für vier Personen

 Die Folge: In der kommenden Woche sollen bis zu 100 Flüchtlinge in der Betriebssporthalle des Stadtverkehrs einziehen. In Messebau-Technik sind 25 Kabinen mit einer Größe von 25 Quadratmetern für je vier Personen aufgebaut worden. „Wir wollen es für die Hilfesuchenden so würdevoll wie möglich halten und ein Minimum an Privatsphäre ermöglichen“, so Schindler. Helfer der Gemeindediakonie übernehmen die Betreuung.

 Das Raumproblem löst die Sammelunterkunft nicht: Drei bis vier zusätzliche Containerdörfer für bis zu je 80 Asylbewerber sollen noch in diesem Jahr im Stadtgebiet entstehen, 2016 sollen noch einmal bis zu sieben weitere folgen. Binnen eines Jahres habe sich die Anzahl der Sammelunterkünfte von zwölf auf 24 verdoppelt. „Aber wir stehen dazu und bleiben dabei: Wir wollen helfen“, so Saxe.

 Landesweit sind die Unterkünfte ebenfalls überfüllt: Jeweils 500 neue Asylbewerber sollen ab 1. September in Kiel und ab 1. Oktober in Eggebek unterkommen. Das Innenministerium hofft auf Entlastung, denn derzeit leben allein in zentralen Erstaufnahmen in Neumünster und Boostedt zusammen 2400 Flüchtlinge. Seit Mitte Juni gibt es zusätzlich eine Einrichtung in Seeth (Kreis Nordfriesland) mit derzeit 450 Asylbewerbern. Die meisten Flüchtlinge werden im Durchschnitt nach zwei bis drei Wochen weiter auf die Kommunen verteilt. Für 2015 rechnet die Landesregierung mit insgesamt 20000 Hilfesuchenden.

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