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Rechte Gewalt trifft auch die Helfer

Flüchtlinge Rechte Gewalt trifft auch die Helfer

Nicht nur Flüchtlinge sehen sich Anfeindungen ausgesetzt, auch gegen ihre Unterstützer gibt es immer mehr Übergriffe. Der Kieler Verein Zebra berät die Opfer.

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Rechtsextreme machen nicht nur in Dresden Stimmung gegen Flüchtlinge. Ihre Aggression richtet sich immer öfter auch gegen deren Helfer.

Quelle: dpa/Roland Halkasch

Kiel. Ehrenamtliche Helfer sind immer häufiger Attacken von rechter und rassistischer Seite ausgesetzt. Das bestätigen die Berater des Vereins Zebra, des Zentrums für Betroffene rechter Angriffe in Kiel. „Obwohl wir erst im Februar die Beratung aufgenommen haben, können wir bestätigen, was andere Bundesländer bereits melden: Die Übergriffe auf Flüchtlinge und auf engagierte Bürger nehmen zu“, sagt Lars-Arne Raffel. Der 32-Jährige ist Sozialpädagoge und einer von drei Zebra-Beratern. Nach ihrer Erfahrung nehmen Bürger, die sich für Flüchtlinge engagieren, die ersten Anzeichen oft gar nicht als Bedrohung wahr.

Eine typische Situation: Kommunalpolitiker und Bürger äußern sich auf Informationsversammlungen positiv über Flüchtlinge. Auf dem Heimweg wird dann von den Gegnern wie zufällig verbal nachgetreten. Es fallen Sätze wie: „Ich würde das an deiner Stelle lieber sein lassen.“ Oder: „Sie sind ja einer dieser Gutmenschen. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.“ Solche Andeutungen würden von den Angesprochenen meist nur als Fortsetzung der Diskussion bei der Veranstaltung interpretiert, sagt Raffel.

Aus Diskussionen werden Drohungen

Das ändert sich, wenn offen gedroht und genötigt wird. „Wenn du damit nicht aufhörst, wirst du keine Ruhe mehr in deinem Dorf haben.“ Oder: „Lass das sein, sonst wird du sehen, dass deine Kinder keinen Spaß mehr haben.“ Häufiger komme es dann auch zu Sachbeschädigungen. Da wird dann das Auto beschädigt oder Farbe über die Wäsche geschüttet, die im Garten zum Trocknen hängt.

Auch wenn es – im Gegensatz zur Übergriffen gegen Flüchtlinge – bei den Helfern meist nicht zu körperlicher Gewalt kommt, sind dies für Rüffel und seine Kollegen eindeutige Signale. „Rechte Taten sind immer Botschaften. Sie sollen Angst erzeugen, das Gefühl, ausgeliefert zu sein und die Kontrolle verloren zu haben. Und das nicht nur bei den Betroffenen und ihrem privaten Umfeld, sondern auch bei der gesamten Gruppe – mit dem Ziel, dass sie ihre ehrenamtliche Arbeit für die Flüchtlinge einstellt.“

Die drei Berater wollen den Betroffenen helfen, Handlungsfähigkeit und Kontrolle zurückzuerlangen. Dazu sind sie im gesamten Land unterwegs, reagieren nicht nur auf Anfragen, sondern werden auch aktiv, wenn sie von Übergriffen hören. Die Betroffenen und ihre Angehörigen können sich nicht nur kostenlos beraten und emotional unterstützen lassen, sondern auch Hilfe bei der Suche nach Anwälten und Therapeuten sowie Begleitung zu Polizei, Ämtern, Gericht bekommen. „Wir arbeiten streng vertraulich und parteiisch für die Betroffenen. Sie allein bestimmen, was passiert“, betont Kai Stoltmann, Gründungsmitglied des Vereins.

Beratungen ganz individuell

Manche etwa wollen anonym beraten werden, anderen wollen sich nur in einem Park oder in einem Café in der nächsten Stadt treffen. Raffel hat auch schon auf dem Rücksitz eines Autos beraten. Die Entscheidung, ob man sich weiter als Helfer engagiert, müsse jeder für sich treffen. Bisher allerdings habe nach der Beratung niemand gesagt, dass er sein Engagement aufgeben will. „Wichtig ist für die Betroffenen, dass sie mit dieser Erfahrung nicht allein ist und dass man aktiv dagegen angehen kann.

Stoltmann hofft, dass der Verein bald auch die Aufgabe eines Monitorings bekommt. Dann könne man rassistische und rechte Übergriffe in Schleswig-Holstein systematisch erfassen. „Viele Betroffene stellen keine Anzeige, auch weil sie fürchten, dass die Ermittlungen eingestellt werden“, sagt Stoltmann. Die Polizeistatistik gebe die reale Situation daher nur unvollständig wieder.

Der Gemeinnützige Verein Zebra geht auf eine Initiative von Melanie Groß, Professorin für Erziehung und Bildung mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit an der Fachhochschule Kiel, zurück. Sie reagierte damit auf die jahrelange Kritik, dass es in Schleswig-Holstein im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine unabhängige Beratungsstelle gab, die sich ausschließlich um Betroffene rechter Gewalt kümmert. Prof. Groß sammelte Studierende und Absolventen und gründete mit ihnen den gemeinnützigen Verein Zebra. Als im Zuge der NSU-Aufarbeitung das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Initiative „Demokratie leben“ startete und in jedem Bundesland eine unabhängige Beratungsstelle förderte, bekam Zebra für Schleswig-Holstein den Zuschlag. Im Februar starteten drei Fachkräfte mit der Beratung. Der Rektor der Muthesius Kunsthochschule stellte dem Verein ein Büro in dem alten Gebäude der Alten Mu zur Verfügung. Das Angebot von Zebra richtet sich an die Betroffenen rechter Gewalt selbst, ihre Angehörigen und an Zeugen solcher Übergriffe. Die erste statistische Auswertung steht noch aus. „Wir haben aber gut zu tun, und die Beratungsanlässe nehmen seit dem Start zu“, sagt Berater Lars-Arne Raffel. „Wir sind leider nicht überflüssig."

Kontaktdaten Verein Zebra: Tel. 0431/30140379, info@zebraev.de  www.zebraev.de 

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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