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Bundespolizei erkennt Flüchtlinge sofort

Hauptbahnhof Kiel Bundespolizei erkennt Flüchtlinge sofort

In den vergangenen zehn Tagen sind über 180 Flüchtlinge am Hauptbahnhof in Kiel angekommen. Viele von ihnen wollen gar nicht weiter nach Skandinavien. Ihr Ziel ist Schleswig-Holstein.

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Carsten Ballach (links) und Hauke Petersen von der Bundespolizei kontrollieren einen Flüchtling am Kieler Hauptbahnhof. Der Mann ist illegal eingereist.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Aufmerksam beobachten die beiden Bundespolizisten die Reisenden, die den Regionalexpress aus Hamburg verlassen. Aus der Hansestadt sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 180 Flüchtlinge im Hauptbahnhof Kiel angekommen – in den letzten 48 Stunden acht illegale Migranten. Auf die Fähren nach Schweden und Norwegen kommen die Menschen nicht: Sie sind zu gut bewacht. Viele Asylsuchende wollen offenbar auch gar nicht nach Skandinavien, sondern in Schleswig-Holstein bleiben.

Bei jeder Ankunft eines Zuges aus Hamburg postieren sich Hauke Petersen und Carsten Ballach in der Mitte des Bahnsteiges. Sie achten auf südländisch aussehende Personen mit Gepäck. „Meist reicht ein kurzer Blickkontakt und wir wissen sofort, dass es sich um einen Flüchtling handelt“, sagte Gerhard Stelke, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Kiel. Die Menschen aus den kriegserschütterten Ländern sind froh, dass ihre Reise zu Ende ist. Manche klingeln an der Tür der Bundespolizei im Bahnhof in der Hoffnung, dass sich jemand um sie kümmert. „Gerade Syrer sind oft traumatisiert. Bei einem Aufgriff von 50 Personen in der vergangenen Woche waren viele Kinder dabei, die geweint haben“, sagte der Sprecher.

 So viele Menschen kann die Bundespolizei in ihren drei Zimmer gar nicht beherbergen und hat einen großen Raum im Bahngebäude belegt. „Der war voll mit der großen Gruppe. Die Menschen lagen auf dem Boden, andere saßen auf der Fensterbank. Kinder haben wir mit Stofftieren beruhigt“, erzählte Stelke. Solche Szenen haben seine Kollegen betroffen gemacht. Dennoch müssen sie ihre Arbeit machen: Nach einem größeren Aufgriff fordern sie Verstärkung an. „Wir fragen nach den Namen, machen Fotos und nehmen Fingerabdrücke, die wir ins Computersystem einspeisen. Dann erfahren wir sofort, wer bereits in Deutschland registriert ist und wer nicht“, so der Sprecher.

 Wer nicht in der bundesweiten Datenbank steht, wird in ein Dienstfahrzeug gesetzt und in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Neunmünster gebracht. Die Beamten treffen aber derzeit mehr Flüchtlinge an, die beispielsweise schon in München aufgriffen wurden, aber nicht in die dortigen Aufnahmeeinrichtung gefahren sind – sondern eben nach Kiel. „Diese Menschen setzen wir in einen Zug nach Bayern mit der Auflage, sich dort zu melden. Begleiten können wir sie auf der Fahrt aber nicht“, erklärte Stelke.

 Warum immer mehr Menschen in der Landeshauptstadt stranden, ist unklar: Da die Vogelfluglinie von Hamburg nach Kopenhagen oft kontrolliert wird und Zugbegleiter auffällige Menschengruppen melden, setzen die Schleuser sie zu allen Tages- und Nachtzeiten in Züge auf Nebenstrecken. „Es ist absolut nicht vorhersehbar, wann Flüchtlinge hier ankommen“, so Stelke. Ein anderer Grund: Da fast alle Asylsuchenden mittlerweile ein Mobiltelefon besitzen, stehen sie mit bereits geflohenen Verwandten und Bekannte in Deutschland in Kontakt. „Von denen hören sie, dass sie hier freundlich aufgenommen werden. Also entscheiden sie, statt nach Skandinavien zu fahren, gleich im Land zu bleiben“, erklärte Stelke. Von Kiel aus kämen sie auch nicht weiter, denn der Hafen und die Fähren werden gut bewacht: „Uns ist kein Fall bekannt, dass Personen in den vergangenen Jahren versucht haben, illegal an Bord einer Stena-Fähre in Kiel zu gelangen“, sagte Reederei-Sprecher Martin Wahl. Auch auf die Color-Fähren habe sich kein Flüchtling geschmuggelt, weil Norwegen als Einreiseland nicht attraktiv sei, bestätigte Sprecher Henrik Renneberg.

 Nach den Erfahrungen der Bundespolizei wird es ab Ende Oktober wegen der schlechteren Witterungsverhältnisse im Mittelmeer weniger Einwanderungen geben. „Ab Anfang April, wenn das Wetter wieder besser wird, rechnen wir wieder mit steigenden Zahlen“, so Stelke.

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Ein Artikel von
Günter Schellhase
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