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Neue Hinweise zur "Wehrmacht"-Figur

Heikendorf Neue Hinweise zur "Wehrmacht"-Figur

In der Nachbarschaft des Heikendorfer Sammlers, der plötzlich mitten in einem spektakulären Ermittlungsverfahren um verschollene Nazi-Kunstwerke steht, kann man es immer noch nicht so recht fassen.

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Das historische Foto zeigt die Oberbefehlshaber Walther von Brauchitsch, Hermann Göring und Erich Raeder (von links) in der Reichskanzlei. Rechts im Bild die Statue „Die Wehrmacht“ von Arno Breker, die sich in Heikendorf befinden soll.

Quelle: SZ Photo

Heikendorf/Berlin. Man sei „perplex und völlig überrascht“, heißt es. Von einer „skurrilen Geschichte“ ist die Rede. Und von Gerüchten, dass da „schon vor Jahrzehnten Kettenfahrzeuge und sogar ein Schreibtisch Hitlers“ gewesen sein sollen. Die in Bad Dürkheim entdeckten Bronzepferde, die zwischen 1998 und 2000 in einem Heikendorfer Garten standen, sorgten am Freitag in der Ostsee-Gemeinde für jede Menge Gesprächsstoff.

 Zeitgleich gab es Hinweise darauf, dass der Sammler sogar noch mehr Nazi-Kunst beherbergt. Laut einem Bericht des „Spiegels“ soll die Polizei bei der Durchsuchung in Heikendorf eine der bekanntesten Skulpturen Arno Brekers entdeckt haben. Die Figur „Die Wehrmacht“ stand zusammen mit der ähnlichen Gestalt „Die Partei“ im Ehrenhof der Reichskanzlei. Ein Sprecher der Polizei in Berlin wollte diese Nachricht am Freitag nicht bestätigten. Fakt ist: Nach monatelangen Ermittlungen des Landeskriminalamtes hatten die Fahnder am Mittwoch auch in Heikendorf nach Nazi-Kunstwerken gesucht. Gegenüber unserer Zeitung erklärte der Sammler danach, er habe die monumentalen Pferdeskulpturen von Josef Thorak zwei Jahre lang in seiner Obhut gehabt.

 Diese Aussage wurde am Freitag auch von einer Heikendorferin bestätigt. „Die standen im Garten und waren ja nun wirklich nicht zu übersehen“, sagte sie. Die Sammelleidenschaft des Mannes für die martialischen Skulpturen könne sie beim besten Willen nicht nachvollziehen. Als „etwas skurril“ beschreibt ein Nachbar den „älteren, kleinen Mann mit seinen großen Hunden.“ Vor der Öffentlichkeit verstecken würde er sich nicht. Regelmäßig sei er mit seinen Vierbeinern unterwegs. Von dem Berge-Panzer, der in seinem Keller stehen soll, habe der Nachbar auch schon gehört. Die großen Gartenskulpturen seien zudem von der Wasserseite der Kieler Förde gut zu sehen. „Das ist ja aber nicht verboten.“ Auch der Sammler legt Wert darauf, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Er wehrt sich gegen alle Vorwürfe der Hehlerei.

 Ins Visier der Fahnder sind insgesamt acht Verdächtige geraten. Einer von ihnen ging am Freitag in die Offensive. Er habe die fraglichen Objekte vor mehr als 25 Jahren von der russischen Armee und den früheren Herstellern rechtmäßig erworben, ließ der Mann über seinen Anwalt mitteilen. Als Leihgaben seien sie mehr als 20 Jahre lang bei einer Breker-Ausstellung in Nörvenich bei Köln größtenteils ausgestellt gewesen. Zudem habe er einer Bundeseinrichtung angeboten, Thoraks Pferde als Leihgabe zu überlassen. Sie seien aber nicht angenommen worden. „Mein Mandant ist kein Hehler“, sagte der Anwalt. Er sei „Eigentümer“ der Gegenstände.

 Über den Wert der tonnenschweren Skulpturen wird indes weiter spekuliert. Laut „Spiegel“ sollen Thoraks „Schreitende Pferde“ für acht Millionen Euro von einem Vermittler angeboten worden sein. Auch für die Breker-Figuren dürfte es Interessenten geben. Der Bildhauer habe nach dem Krieg eine Fangemeinde gehabt, aus politischen aber auch aus ästhetischen Gründen, sagt die Berliner Kunsthistorikerin Magdalena Bushart von der Technischen Universität.

 Die Klärung der Besitzverhältnisse dürfte sich indes noch eine Weile hinziehen. Das Bundesvermögensamt hat Hinweise, dass die Werke Bundeseigentum sind. Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gehören die Stücke ins Museum. Damit könnte der Umgang des NS-Regimes mit Staatskunst dargestellt werden, erklärte sie in Berlin. „Die Staatskunst war ein bedeutender Teil der Propaganda und wurde von ihr systematisch instrumentalisiert.“ Für die Kunsthistorikerin Bushard wäre das Deutsche Historische Museum in Berlin ein geeigneter Ort.

Von Christoph Kuhl, Volker Rebehn, dpa

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