13 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Hochseeinsel in der Zwickmühle

Helgoland Hochseeinsel in der Zwickmühle

Die Windkraftbranche hat Helgoland als Stützpunkt für Handwerker und Servicekräfte entdeckt. Die Insel liegt ganz nah an den neuen Offshore-Windparks, und das hat ihr einen ungeahnten Boom verschafft. Die Frage ist nur, wie lange der trägt. Und was kommt danach?

Voriger Artikel
Tankstellenbrand zerstört zwei Autos und einen Motoroller
Nächster Artikel
Spott perlt an Künstlerin ab: "Der Königin hat mein Bild gefallen"

Tagesgäste kommen auf dem Weg in den Ort an den Hummerbuden vorbei. Oberhalb dieser Buden-Reihe sollte ein neues Hotel entstehen. Denkmalschützer untersagten jetzt den Bau.

Quelle: Jörn Genoux

Helgoland. Helgoland ist einzigartig: Die einzige deutsche Hochseeinsel ist – geologisch betrachtet – ein Stück Mittelgebirge mitten im Meer. Und seit Kurzem ist es die weltweit einzige Service-Insel für Offshore-Windparks. Die zeitweise bis zu 300 Mitarbeiter der Windpark-Betreiberfirmen und zahlreichen Zulieferer haben in den vergangenen drei Jahren viel Geld auf die Insel gebracht. Für Insulaner sind im Umfeld der Offshore-Branche neue Jobs entstanden. Man könnte denken, dass das für die kommenden Jahrzehnte günstige Voraussetzungen sind. So gute Bedingungen, dass sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte umkehren lässt? Die waren durch einen deutlichen Rückgang der Gästezahlen und der Einwohner gekennzeichnet. 800000 Besucher wurden 1973 gezählt, 1983 waren es keine 500000 mehr, inzwischen hält die Insel noch die Marke von 300000. Die Insulaner hatten es versäumt, den Tourismus auf neue Beine zu stellen. Die Zahl der Einwohner halbierte sich auf knapp 1400.

 Nur ganz allmählich entwickelte sich etwas. 1999 eröffnete mit dem „Atoll Ocean Resort“ ein modernes Hotel als „imageprägender Leitbetrieb“, wie es Insel-Hotelier Detlev Rickmers ausdrückt. Das machte auch ihm Mut. Er baute sein Hotel „Insulaner“ zum Vier-Sterne-Haus mit Wellness-Angeboten und gehobener Gastronomie aus und plante seit 2006 unter dem Namen „Terrassensuiten“ eine Verdopplung des „Insulaners“ um weitere 52 Suiten und Zimmer. Ein drittes Haus wollte er zu einem Literatur-Themenhotel ausbauen. So sollte Ganzjahrestourismus auf Helgoland möglich werden. Der Offshore-Boom kam zur rechten Zeit. Rickmers konnte Zimmer in anderen Häusern dauerhaft an die Firmen vermieten und Kapital für die geplanten Investitionen erwirtschaften.

 Ende 2012 kam der erste Schlag. Der Besitzer des „Atoll“ vermietete das Resort bis zum Jahr 2023 an einen der drei Windpark-Betreiber – ein Schlag deshalb, so erklärt Rickmers, weil das „Atoll“ dazu beigetragen habe, dass Helgoland wieder als Urlaubsort wahrgenommen wurde. Rickmers hielt an seinen Plänen fest. Doch jetzt sind sie plötzlich – zumindest vorerst – gescheitert: Die Denkmalschutzbehörde des Kreises Pinneberg erteilte dem Projekt eine endgültige Absage. Auf Helgoland stehen zahlreiche Straßenzüge unter Denkmalschutz, der Bereich am Hafen mit den bunten Holz-Hummerbuden prägt das Insel-Bild. Dort aber liegt auch sein „Insulaner“, und direkt nebenan, oberhalb einer solchen Hummerbuden-Reihe, hatte Rickmers seinen Neubau geplant. Er kann die Entscheidung nicht verstehen, verweist auf eine Reihe positiver Vorbescheide der Behörden und hat Klage eingereicht. „Doch ich sehe mein Modell des Ganzjahrestourismus gescheitert und werde meine Aktivitäten entsprechend zurückfahren“, sagt er. Stattdessen stelle er sich wieder auf ein deutlich reduziertes Saisongeschäft ein. Das geplante dritte Hotel bleibe dauerhaft in der Offshore-Vermietung, Personal werde abgebaut.

 Die Entwicklung des Tourismus auf Helgoland dürfte damit stagnieren, wenn nicht weiter zurückgehen. Und das Ziel von Bürgermeister Jörg Singer, die Zahl der Gäste wieder auf 400000 hochzuschrauben, könnte in weite Ferne gerückt sein. Die Gemeinde selbst hat noch Pläne für ein 200-Betten-Hotel in der Hinterhand. Alleine umsetzen kann sie die aber nicht, daher wird ein Partner gesucht. Singer zeigt sich optimistisch, dass der noch im Laufe des Jahres gefunden werden kann. Und falls nicht? Dann bleiben die Chancen durch Offshore-Windkraft. Eon (Amrumbank West), RWE (Nordsee Ost) und der US-Investor Blackstone (Meerwind) haben sich langfristig an Helgoland gebunden und hier Service-Stationen aufgebaut. Hafen-Chef Peter Singer (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Bürgermeister) geht davon aus, dass im Offshore-Umfeld kurzfristig rund 100 Arbeitsplätze für Helgoländer entstehen. Berührungspunkte zum Tourismus gibt es auch: Ausflugsfahrten zu den Offshore-Parks sind seit Kurzem eine Attraktion auf Helgoland.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Norddeutschland 2/3