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Stammen die Knochen von NS-Opfern?

Historiker kritisieren Ermittlungsbehörden Stammen die Knochen von NS-Opfern?

Der Fund menschlicher Knochen in Schulensee alarmiert Historiker im Land: Sie bezeichnen es als „skandalös“, dass die Kieler Staatsanwaltschaft den Fall zu den Akten gelegt hat und verlangen eine genaue Untersuchung.

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Der Knochenfund im Garten von Wiebke Misfeldt (55) in Schulensee beschäftigt jetzt die Historiker. Den Fall zu den Akten zu legen, kritisieren Experten scharf.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Die menschlichen Gebeine sind nicht an irgendeinem, sondern in der Nähe eines historisch bekannten Ortes gefunden worden“, sagt Kay Dohnke, Vorstand des Arbeitskreises zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (Akens). Der Historiker spricht von dem Arbeits- und Erziehungslager „Nordmark“ (AEL) in Kiel-Hassee, in dem während des Dritten Reichs bis zu 1700 Gefangene untergebracht waren und dass nur etwa drei Kilometer vom Fundort der Knochen entfernt war. Mehr noch: Der heutige Garten der Familie Misfeldt liegt nur 250 Meter von der heutigen Hamburger Chaussee entfernt, der damaligen Reichsstraße 4. Über diese führten speziell in den letzten Kriegswochen mehrere Gefangenentransporte, unter anderem vom 12. bis 15. April 1945 der sogenannte Evakuierungs- oder Todesmarsch vom Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel nach Kiel-Hassee. In mehreren Gruppen waren insgesamt etwa 750 Häftlinge „unter starker Bewachung durch SS-Leute in Richtung Kiel gehetzt“ worden, schreibt Detlef Korte in seinem Buch „Erziehung ins Massengrab“.

 Könnte es sich bei den menschlichen Überresten schlimmstenfalls um Opfer des Nazi-Regimes handeln, die dort verscharrt worden sind? Mehrere Faktoren legen diesen Verdacht nahe: Das Wohngebiet, in dem die Gebeine gefunden wurden, ist erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden. Zuvor sei die Fläche nahezu unbebautes Brachland gewesen. Laut Archäologischem Landesamt befanden sich die nun entdeckten sterblichen Überreste in einer Grube.

 Auf die Knochen stieß Anwohnerin Wiebke Misfeldt in nur 40 Zentimetern Tiefe. Laut Staatsanwaltschaft seien die Gebeine „mehrere Jahrzehnte alt“. Bislang schließen die Behörden eine Straftat aus. Allerdings sind nur wenige Knochen von der Rechtsmedizin in Kiel untersucht worden. Mehr als hundert lagert die Familie noch in einem Karton. „Was noch in der Grube liegt, weiß ich nicht, ich mag dort nicht mehr weitergraben“, sagt Wiebke Misfeldt.

 Eine absolut verständliche Reaktion, sagt Arbeitskreis-Sprecher Dohnke. „Für die Anwohner ist dies eine absolut traumatische Situation. Und es ist schlimm, wie diese von den Behörden allein gelassen werden.“ Vor allem aber aus historischen Gründen verlangt er eine Aufklärung: „Hier müssen umfangreiche weitere Untersuchungen angestellt werden, die Knochen müssen forensisch untersucht, die Gebeine aus der Grube exhumiert werden.“ Das Verfahren einzustellen, bezeichnet er als „skandalös“. „Allein schon, weil es sich um Opfer des Arbeits- und Erziehungslagers handeln könnte, stehen die Behörden in der moralischen Pflicht, den Fall genauestens zu untersuchen“, sagt Dohnke. Selbst wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es keinen Zusammenhang zum Lager geben sollte, müsse der Fall „aus Würde und Respekt“ vor den Toten aufgeklärt werden und die Gebeine eine letzte Ruhestätte finden.

 Der Leiter des Kieler Stadtarchivs, Johannes Rosenpläntner, will nicht ausschließen, dass es sich bei den Knochen schlimmstenfalls um die Überreste von NS-Opfern handelt. „Historisch ist es belegt, dass der Todesmarsch unweit des Fundorts entlangführte“, sagt er. Der Kieler Kunsthistoriker Jens Rönnau sieht nun auch die Stadt in der Pflicht: „In Rahmen der dringend notwendigen Auseinandersetzung mit den Arbeitslagern rund um Kiel sollte der Fall unbedingt untersucht werden.“

 Uwe Fentsahm, Historiker aus Brügge bei Bordesholm, hat über den Gefangenenmarsch von Hamburg nach Kiel geforscht. Er verlangt ebenfalls eine gründliche Untersuchung: „Es gibt so viele Berichte über Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die durch Kiel und das Umland getrieben worden sind.“ Willkürlich seien die Gefangenen von SS-Leuten erschossen worden, mitunter aber auch aufgrund von Mangelernährung zusammengebrochen und gestorben. Fentsahm: „Es gibt leider viele Fälle von Toten, die in Schleswig-Holstein von der Bevölkerung danach auf Brachflächen verscharrt worden sind.“

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Knochenfunde in Schulensee
Foto: Zunächst war die Polizei unsicher, ob es sich bei den Fundstücken im Garten überhaupt um menschliche Knochen handelt.

Die Kieler Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen im Fall der Knochenfunde in einem Vorgarten in Schulensee eingestellt. Bei Erdarbeiten hatte Wiebke Misfeldt menschliche Gebeine entdeckt. Dass deren Herkunft und Alter unklar sind und dass auch Experten von einem mysteriösen Fall sprechen, interessiert die Behörden offenkundig nicht.

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