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Hitlers Bronzepferde standen in Heikendorf

Polizei ermittelt gegen Kunstsammler Hitlers Bronzepferde standen in Heikendorf

Mehr als ein Vierteljahrhundert waren die für Adolf Hitlers Reichskanzlei angefertigten riesigen Bronzepferde verschwunden - jetzt wurden die wertvollen Skulpturen von der Polizei in Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) entdeckt. Offenbar führte ein Spur aber auch direkt an die Kieler Förde.

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In einer Lagerhalle im Gewerbegebiet von Bad Dürkheim beschlagnahmten Ermittler die mit Planen verhüllten monumentale Kunstwerke von Josef Thorak, die einst für Adolf Hitlers Neue Reichskanzlei in Berlin gedacht waren.

Quelle: Uwe Anspach/dpa

Berlin/Heikendorf. „Die Skulpturen standen zwei Jahre lang bei mir im Garten“, sagte ein Heikendorfer Kunstsammler am Donnerstag den Kieler Nachrichten. Im Zuge bundesweiter Razzien waren Beamte des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) am Mittwoch mit einem Durchsuchungsbefehl auf dem Anwesen des 78-Jährigen erschienen. Gegen ihn und sieben weitere Verdächtige ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der Hehlerei.

Fahnder hatten die 3,50 Meter hohen Skulpturen des Bildhauers Josef Thorak (1889-1952) sowie ein Granit-Relief von Arno Breker (1900-1991) am selben Tag in einer Bad Dürkheimer Lagerhalle sichergestellt. Die Pferde waren einst vor Hitlers Neuer Reichskanzlei aufgestellt worden. 1989 verschwanden die Kunstwerke von einem russischen Militärgelände bei Eberswalde (Brandenburg). Seitdem galten sie als verschollen.

Eins der Pferde vor Hitlers Neuer Reichskanzlei. Foto: Bundesarchiv Bild 183-1989-0508-502, Berlin, Neue Reichskanzlei, Gartenfront“ von Bundesarchiv, Bild 183-1989-0508-502 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

Nach Expertenschätzung sind die Objekte auf dem Schwarzmarkt mehrere Millionen Euro wert. Seit 2013 ermittelten Berliner LKA-Fahnder in dem Fall gegen acht Verdächtige zwischen 64 und 79 Jahren. Ihnen wird Hehlerei, Unterschlagung von Bundeseigentum und Betrug vorgeworfen. Sie sollen Kunstwerke aus der Nazi-Zeit in ihren Besitz gebracht beziehungsweise einen Weiterverkauf ausgehandelt haben, so die Abteilung Kunstdelikte des LKA Berlin. Am Mittwoch um 8 Uhr schlugen insgesamt 50 Fahnder nach einem Tipp aus der Kunstsammlerszene im Auftrag der Staatsanwaltschaft Berlin bundesweit zu und durchsuchten zehn Häuser, Lagerhallen und Wohnungen.

Durchsuchung in Heikendorf

„Ein Mann aus Heikendorf steht unter Verdacht, an der Vermarktung der Kunstwerke beteiligt gewesen zu sein“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Er bestätigte, dass LKA-Ermittler aus der Hauptstadt am Mittwoch mit einem Durchsuchungsbeschluss in Heikendorf anrückten. Der Verdächtige weist alle Vorwürfe zurück. Zwar habe er den Besitzer einiger Bronze-Skulpturen gekannt. Der Vorwurf, er habe die Skulpturen 2013 und zu Beginn dieses Jahres zum Kauf angeboten, sei jedoch „Unsinn“, sagte der Heikendorfer Kunstsammler.

Die Beamten, die ihn am Mittwoch besucht haben, seien sehr korrekt und freundlich gewesen. Freiwillig habe er ihnen Papiere gegeben, die belegen sollen, dass er zwei monumentale Bronze-Pferde, die jetzt bei einer Razzia in Bad Dürkheim gefunden wurden, vor 15 Jahren als Sicherheitsleistung bei sich aufbewahrt hatte. Die Papiere dazu seien damals völlig in Ordnung gewesen, nichts habe auf Hehlerware hingedeutet. Vielmehr habe der Besitzer einen ordnungsgemäßen Erwerb der Pferde nachweisen können. Gegen die „angeblichen Zeugen“, die ihn jetzt in den Fall hineingezogen hätten, wolle der Heikendorfer juristisch vorgehen. „Das ist Verleumdung“, sagte er.

Ermittler halten sich bedeckt

Zu konkreten Zwischenergebnissen der Ermittlungen hielten sich Polizei, Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft am Donnerstag bedeckt. Inwieweit sich der Anfangsverdacht gegen den Heikendorfer erhärtet, müssten die weiteren Ermittlungen ergeben, so ein Sprecher der Berliner Polizei. Bei der Durchsuchung des Hauses in Bad Dürkheim dagegen wurden neben Kunstgegenständen mit einem Gewicht von mehr als 100 Tonnen Computer, Mobiltelefone und Unterlagen sichergestellt. Nach einer ersten Sichtung spricht die Polizei jetzt von drei Hauptverdächtigen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, sich in den Besitz der Skulpturen und Reliefs gebracht beziehungsweise einen Weiterverkauf ausgehandelt zu haben. Es gebe einen Anfangsverdacht wegen „Hehlerei, der Unterschlagung von Bundesvermögen und Betrug“. 

Auf die Spur sind die Ermittler den Tatverdächtigen gekommen, weil eine Kunstvermittlerin von dem Verkauf eines der damals verschwundenen Kunstwerke gehört hatte. Die Frau schaltete daraufhin die Abteilung Kunstdelikte im Berliner LKA ein. Zudem machte sich ein Kunstdetektiv aus den Niederlanden auf die Suche nach der Nazi-Kunst. Auch das Bundesvermögensamt ist den Fall eingebunden.

Von Paul Wagner und Günter Schellhase

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)