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„Ich stricke Socken, damit ich Weihnachten für jeden etwas habe“

Altersarmut im Norden „Ich stricke Socken, damit ich Weihnachten für jeden etwas habe“

Altersarmut. Wie die sich anfühlt, das weiß Christa Krause aus Fahrenkrug bei Wahlstedt genau. 549 Euro Rente bekommt die 81-Jährige. Lohn für jahrzehntelange Familien- und Lohnarbeit.

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Die Rentnerin Christa Krause strickt regelmäßig Socken, um ein günstiges selbstgemachtes Geschenk und Mitbringsel zu haben.

Quelle: dsn

Fahrenkrug. Dennoch musste sie für ihre Grundsicherung kämpfen. Und ohne Heino Woizick vom Sozialverband wäre der Kampf wohl anders ausgegangen.

 Wenn Christa Krause heute Bilanz zieht, dann hat sie auf der Habenseite: zwei Kinder, fünf Enkelkinder und die Gewissheit, dass sie die Mutter sechs Jahre, den Vater zehn Jahre lang gepflegt hat. Auf der Sollseite: der Mann, den sie mit 21 Jahren heiratet, in dessen Lebensmittelladen sie arbeitet, ohne sozialversichert zu sein, und der so viel Schulden macht, dass sie bei der Scheidung ihr Elternhaus verliert. „Leider hatte ich es zugelassen, dass wir beiden im Grundbuch eingetragen waren. Es musste verkauft werden, um die Schulden meines Mannes zu decken.“

 Mit 43 steht die zweifache Mutter vor dem Nichts, fängt an zu arbeiten – endlich für die eigene Rente. Doch wo? Christa Krause hat in jungen Jahren in Schneiderkursen Schneidern erlernt, aber das ist in den 1970er Jahren nicht mehr gefragt. Also arbeitet sie im Supermarkt, dann in einer Großkantine. Vollzeit, bis sie 62 Jahre alt ist, dann noch drei Tage pro Woche. Bis sie 68 ist. „Dass die Rente nicht reichen wird, das war mir damals klar.“ Aber zu dem Zeitpunkt kann sie den Zug nicht mehr aufhalten, nur noch den Aufprall in der harten Rentnerrealität abbremsen.

 Sei spart eisern, legt jeden Monat von ihrem Verdienst etwas zurück. „Zehn Jahre lang bin ich mit meinem Ersparten und der kleinen Rente über die Runden gekommen, dann war Schluss.“

 Christa Krause wendet sich ans Sozialamt. Sie erhält auch ein Jahr Grundsicherung, doch dann heißt es, sie müsse erst ihr Vermögen auflösen. Vermögen, das ist vor allem ihre Lebensversicherung, mit der einmal ihre Beerdigungskosten abgedeckt werden sollen. „Das ist das Bitterste zu wissen, dass jetzt meine Kinder das bezahlen müssen“, sagt die 81-Jährige. Kein Einzelfall, so die Erfahrung von Heino Woizick. „Die meisten Rentner, die in die Beratung kommen und Grundsicherung zum Leben bräuchten, bekommen sie nicht, weil da noch eine Sterbeversicherung oder ein Auto ist. Grundsicherung gibt es immer erst dann, wenn höchstens 2600 Euro Vermögen da sind.“

 Als Christa Krause die Versicherung aufgelöst und weitgehend aufgebraucht hat, beantragt sie mit Woizicks Hilfe wieder Grundsicherung und bekommt sie auch. Allerdings steht in dem Bewilligungsbescheid auch, dass sie die Rentnerin innerhalb eines halben Jahres eine andere, angemessene Wohnung suchen müsse. Ein Schock für Christa Krause, denn das würde den zwangsweisen Wegzug von ihrer 1600-Seelen-Heimatgemeinde bedeuten. „Eine angemessene Wohnung wäre nur dort zu haben gewesen, wo es keine Einkaufsmöglichkeit, keinen Arzt, keine Apotheke gibt. Ich fand das unzumutbar“, sagt Woizick.

 Er legt deshalb Einspruch ein. Mit Erfolg: Christa Krause darf in ihrer Wohnung bleiben. Wenn Sie ihre Miete, Heizung, Strom, Wasser und Telefon bezahlt hat, bleiben ihr heute dank Grundsicherung im Monat etwa 370 Euro für Lebensmittel, Körperpflege, Kleidung, Reparaturen und alle anderen Anschaffungen. „Glauben Sie mir, bei mir kommt kein Essensrest, kein Scheibe Brot um.“ Was sie am Schlimmsten findet? „Dass ich meinen Enkeln nicht mal etwas zustecken kann. Ich stricke das Jahr über Socken, damit ich Weihnachten für jeden etwas in der Hand habe.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH