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Immer mehr Lehrer wehren sich

Internet-Hetze Immer mehr Lehrer wehren sich

Wenn heute in den meisten Schulen des Landes Zeugnisse verteilt werden, gibt es angesichts unerfreulicher Zensuren nicht nur strahlende Gesichter. Mancher Schüler will sich dafür im Internet rächen. „Cybermobbing“ hat allerdings Konsequenzen.

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Entsetzen bei dieser jungen Lehrerin: Im Internet entdeckt sie einen Eintrag, in dem sie aufs Übelste beschimpft wird.

Quelle: AlimdiNet

Kiel. Solche Fälle kennt der Kieler Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Christian Wolff, in seiner beruflichen Praxis. So mancher Lehrer, der sich im Internet an den Pranger gestellt sieht, versucht mithilfe des Anwalts dagegen vorzugehen – zum Beispiel gegen die dort veröffentlichte Behauptung ungerecht verteilter Noten. „Auch wenn sich Lehrer dadurch angegriffen fühlen, rechtfertigt das alleine noch keine juristischen Schritte“, erklärt Wolff auf Nachfrage, „denn so eine Aussage ist durch die Meinungsfreiheit noch gedeckt.“

Anders sieht es hingegen aus, wenn die Grenze zur Beleidigung zum Beispiel durch Schimpfworte und Schmähungen überschritten wird. Oder Schüler aus Rache nachweisbar falsche Tatsachen veröffentlichen. Dann gibt es nach Angaben Wolffs zunächst die Möglichkeit, beim Betreiber der Internetplattform eine unmittelbare Löschung solcher Einträge zu erwirken – nötigenfalls sogar durch richterliche Anordnung.

Schwieriger sei es, die meist anonymen Verfasser zu ermitteln. Ein richterlicher Beschluss auf Antrag der Staatsanwaltschaft könnte die Plattform-Betreiber zwar zur Herausgabe der Daten zwingen. „Doch dazu muss ein starkes öffentliches Interesse einer Strafverfolgung vorliegen“, erläutert Wolff. Und das sei nur sehr selten der Fall – zum Beispiel dann, wenn die Veröffentlichung zu einer Straftat wie der Androhung einer Gewalttat aus Rache aufrufe.

Wer sich verunglimpft oder falschen Tatsachenbehauptungen ausgesetzt fühlt, kann laut Wolff auch den Weg einer Privatklage einschlagen. „Doch dabei muss man sich darüber im Klaren sein, dass man die Kosten dafür erst einmal auslegen muss – mit ungewissem Ausgang des Verfahrens. Das Risiko ist den meisten Mandanten dann doch zu hoch.“

Ein viele höheres Risiko als ein verlorener Prozess ist aus Sicht des Plöner Rechtsanwalts Wolfgang Raudszus das Schweigen aus lauter Scham. Vor allem sensible Jugendliche in der Pubertät neigten zu solchem Rückzug, wenn sie im Internet bloßgestellt würden. „Das kann im Extremfall sogar bis zum Suizid führen.“ Genaue Zahlen dazu fehlten zwar, aber die Dunkelziffer sei extrem hoch.

In einem Fall, in dem ein Mädchen von der eifersüchtigen Schwester ihres Freundes im Internet mit üblen Schimpfwörtern gedemütigt wurde, konnte Raudszus auch ohne drakonische Rechtsmittel helfen. Ein Brief an die Familie des eifersüchtigen Mädchens mit einer angedrohten Anzeige entschärfte die Sache. „Der Brief führte dazu, dass die Betroffenen und deren Familien über den Vorfall informiert wurden und dann darüber ins Gespräch kamen“, so Raudszus. „Insofern kann es schon etwas bewirken, wenn Opfer sich nicht zurückziehen und einen Rechtsanwalt einschalten.“

Von einer geradezu „lawinenartigen“ Vermehrung von Fällen, in denen Jugendliche über Lehrer oder Mitschüler im Internet „herziehen“ und dabei Persönlichkeitsrechte verletzen, berichtet die schleswig-holsteinische Rechtsanwaltskammer. Gerade bei Jugendlichen könne es verheerende Folgen bis hin zum Suizid haben, wenn sie im Internet mit Kränkungen überzogen werden. Aber auch Lehrkräfte hätten unter Diffamierungen zu leiden. 

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH