6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
K.-o.-Tropfen: Gefahr im Glas

Aufgepasst beim Public Viewing K.-o.-Tropfen: Gefahr im Glas

Immer häufiger kommt es auf Großveranstaltungen in Schleswig-Holstein offenbar zu Attacken mit K.o.-Tropfen: In einem unbemerkten Moment werden sie in die Getränke von Besuchern geschüttet.

Voriger Artikel
Leichenteile in Jauchegrube: Haftbefehl gegen Vater
Nächster Artikel
Winnetou reitet wieder in Bad Segeberg

Fußball-EM: Public Viewing Deutschland - Griechenland auf dem Asmus-Bremer-Platz in Kiel. Die Menge bejubelt das 1:0 für Deutschland durch Philipp Lahm in der 39. Minute

Quelle: Volker Rebehn

Bad Segeberg. „Das tritt tatsächlich vermehrt auf. Damit muss man heute leider auf jeder Großveranstaltung rechnen“, sagt Florian Rubach, Bereitschaftsleiter beim DRK-Rettungsdienst Bad Segeberg. Dort sei es bei den beiden letzten EM-Public-Viewings zu mehreren Fällen gekommen. Ein Opfer sagt: „Es war einfach schrecklich. Das totale Ohnmachtsgefühl.“

 Es passiert in der 63. Minute beim Spiel Deutschland gegen Dänemark mitten in der Kraft Arena. Der 18-Jährige, der mit Freunden einen netten Fußballabend erleben will, spürt, wie ihn eine totale Hilflosigkeit übermannt. Was er nicht ahnt: Er ist Opfer eines Betäubungsmittelanschlags geworden. Eines von mehreren an diesem Abend. Aber ihn trifft es am schlimmsten.

 „In der Halbzeit hatten meine Freundin und ich uns in dem Gedränge eine Pina Colada gekauft“, erinnert sich der junge Mann. Das erste Getränk habe er am Stand auf dem Tresen abgestellt. „Dann war ich durchs Bezahlen abgelenkt. Als ich mein Getränk nahm, hörte ich noch jemanden sagen: Hej, ist das dein Glas? Aber ich habe nicht reagiert. Wir wollten ja schnell zurück zur Leinwand.“

 Dort trinkt er dann das Getränk aus. Sieht sich das Spiel weiter an. Bis er sich so unwohl in seinem Körper fühlt, seine Augen extrem lichtempfindlich, die Lider immer schwerer werden, er alles nur noch wie in Zeitlupe sieht. Er muss sich setzen, ein Kribbeln erschüttert den ganzen Körper: „So wie wenn der Fuß einschläft.“ Schließlich kann er nicht mehr sprechen, kann sich nicht mehr bewegen, verliert die Kontrolle über seinen Körper. Das Schlimmste war, dass ich noch hörte, was andere sagen, aber ich konnte nicht mal mehr sagen: Holt den Rettungsdienst.“ Es ist diese absolute Hilflosigkeit, die ihn im Nachhinein sagen lässt: „Wahrscheinlich galt die Attacke meiner Freundin. Ich bin trotz allem froh, dass es mich erwischt hat. Diese absolute Ohnmacht muss als Frau ein Albtraum sein.“

 Doch es ist noch nicht vorbei. Er merkt, wie sein Bewusstsein schwindet, hört die Bitten der Freunde: „Nicht einschlafen, nicht einschlafen.“ Der Rettungsdienst bringt ihn ins Zelt, stellt fest, dass die Pupillen nur noch unmerklich reagieren und dass sein Zustand nicht auf den geringen Alkoholgenuss zurückzuführen ist. Seine Eltern werden verständigt, er kommt ins Krankenhaus. Infusion, EKG, Blut- und Urinproben. „Da war klar, dass Drogen die Verursacher waren, aber welche, konnte leider nicht festgestellt werden. Man sagte mir, das sei sehr aufwendig.“ Tatsächlich sind Betäubungsmittel wie GHB, die auch Liquid Ecstasy genannt, nur eine gewisse Zeit nachweisbar. Auch die Anzeige gegen Unbekannt wird wohl im Sande verlaufen. „Im Nachhinein ist es leider ohne Zeugen unheimlich schwer, solch eine Tat aufzuklären“, sagt Sandra Rüder von der Polizeidirektion Bad Segeberg. Für den 18-Jährigen ist klar: „Ich werde immer ein Auge auf meine Getränke haben. Und ich hoffe, dass jedes Opfer Anzeige erstattet.“

 Immerhin, so Florian Rubach, will man künftig jeden Verdachtsfall dokumentieren und wenn nötig bei Großveranstaltungen über Lautsprecher warnen. „Aber verhindern lässt sich das selbst in der Kraft Arena nicht, obwohl da mehr Sicherheits-, Rettungskräfte und Polizei als üblich vor Ort sind. Letztlich kann nur jeder selbst aufpassen.“ Rubach kennt auch Fälle auf der Holstenköste in Neumünster, aber auch in Kiel gab es laut Rettungsdienst der Feuerwehr vor drei Jahren mehrere Opfer. Sie waren mit einem Spezialreiniger außer Gefecht gesetzt worden. „Seither sind die Notärzte besonders geschult“, sagt Stadtsprecher Tim Holborn, „aktuell ist aber kein Problem bekannt.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH